Kapitalismus hat kein Gesicht « [Gruppe ISKRA] ::: Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist unsere Losung.

Kapitalismus hat kein Gesicht

„Wir bekämpfen keine Menschen, sondern Institutionen.“
Buenaventura Durutti

Es gibt Menschen, die haben ihre persönlichen Götzen: bei vielen sogenannten Antikapitalisten oder Kapitalismuskritikern ist es das Feindbild der „Kapitalisten“, einer Personengruppe, die die Welt zu ihren Gunsten ausbeutet und demütigt- meist haben sie dann auch ihren Sitz irgendwo in den USA und die WTO als ihr Zentralkommittee (und an diesem Punkt setzen sich auch sicher gerne Nazis, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker mit ans Lagerfeuer, die genau wissen, dass bei solchen Gemeinheiten die Zionisten, der Mossad und die Illuminaten nicht weit sein können). Bullshit. Schlachten wir die heilige Kuh, sie stinkt.
Erstaunlicherweise braucht es dazu nicht einmal eine besonders tiefgreifende Kapitalismuskritik, sondern nur etwas volkswirtschaftliche Binsenweisheit. Machen wir zu diesem Zweck aus dem „(bösen) Kapitalisten“ ersteinmal einen „(bösen) Unternehmer“.

Der „böse Unternehmer“: So eine Vorstellung legt den Gedanken an „gute Unternehmer“ nahe. Aber auch „gute Unternehmer“ müssen sich schliesslich an die Logik des freien Marktes halten: Wenn die Kosten den Ertrag aus der Produktion übersteigen, müssen sie die Kosten kürzen- so z.B. den Lohn. Es handelt sich hier nicht um die gern betonte „Raffgier“, sondern um einen marktwirtschaftlichen Sachzwang, dem sich das Unternehmen praktisch beugen muss, wenn es in der Konkurrenz der freien Marktwirtschaft nicht untergehen will- ob der Unternehmer seine Arbeiter entlassen will oder nicht, tut daher nicht viel zur Sache: er muss oder er ist die längste Zeit Unternehmer gewesen.

Rationalisierungen werden aus dem Konkurrenzkampf heraus getätigt. So gesehen ist es zwar durchaus verständlich, wenn Arbeiter eine Fabrik besetzen oder demonstrieren, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten (wahrscheinlich würde ich auch genau das tun)- aber ohne eine antikapitalistische Perspektive ist dies letztenendes nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Es handelt sich hier eben nicht einfach um die „gierigen Ausbeuter“, die den armen Arbeiter und die ganze Welt böswillig ausquetschen wollen. Deutlicher: Entlassungen, Standortwechsel und Lohnkürzungen sind nicht Geburten der „kapitalistischen Raffgier“, die man durch moralische Appelle an Menschen, die auch nur Rädchen im kapitalistischen Getriebe sind, beseitigen oder einschränken könnte, noch kann man diese Übel durch eine Personalisierung des „kapitalistischen Bösen“ im fiesen fracktragenden Kapitalisten mit Zylinder und Zigarre erfassen.

Hier lohnt es sich, aus der Broschüre der „Jungen Linken“ zu zitieren („Grundlagen der Kapitalismuskritik“), in der der Kapitalismus ganz richtig als eine „apersonale Herrschaft“ bezeichnet wird, also als eine Herrschaft von kapitalistischen Sachzwängen, der jegliches auch noch so individualistisch anmutendes Verhalten innerhalb des kapitalistischen Konkurrenzkampfes unterworfen ist. Oder etwas ausführlicher: „Im Kapitalismus herrschen nicht Einzelne, setzen nicht irgendwelche Machthaber mit Tricks und Gewalt ihre persönlichen Zwecke durch. Es ist der Kapitalismus selbst, welcher herrscht, der den ökonomisch Handelnden und selbst dem Staatspersonal Zwecke in Gestalt von ‚Sachzwängen‘ vorgibt.“ Natürlich gibt es Korruption, Zusammenarbeit zwischen wirtschaftlichen und demokratischen Eliten und all das, was man als „unmoralisch“ bezeichnen könnte. Es ist auch nicht ganz falsch zu sagen, das einige Privilegierte längere Ketten als andere in dieser Welt tragen müssen oder besser dürfen und dieses Privileg auch mit Gewalt verteidigen- aber egal welchen Standort man in der hierarchischen Struktur der herrschenden Verhältnisse (altmodischer auch Klassenstruktur genannt) einnimmt, aus dem Käfig entkommt man nie. So soll hiermit keineswegs abgestritten werden, dass es durchaus auch den puren Willen zur Macht und zur Herrschaft gibt oder wie der deutsche anarchosyndikalistische Aktivist und libertäre Denker Rudolf Rocker es in seinem Werk „Nationalismus und Kultur“ einmal sagte: „Die Auffassung, dass alles politische und soziale Geschehen nur ein Ergebnis der jeweiligen Wirtschaftsverhältnisse ist und aus diesem restlos zu erklären sei, hält keiner tieferen Betrachtung stand.“ Aber auch einem solchen krankhaften Herrscherwillen- auch wenn seine ursprüngliche und hauptsächliche Motivation wie im Falle des religiösen Fundamentalismus kaum kapitalistisch ist- werden dieser tristen kapitalistischen Tage durch die Käfigstäbe Grenzen gesetzt, die er nicht überschreiten kann. So zerfleischen sich die Menschen also gegenseitig um mehr Bewegungsfreiheit in einem Gefängnis.

Fakt bleibt ganz schlicht und einfach, dass die kapitalistische Welt auch ohne Korruption bzw. elitäre „Verschwörungen“ und mit „guten ehrlichen Demokraten“ eine kapitalistische Welt bleibt, deren Bewohner noch immer denselben kapitalistischen Zwängen und Übeln unterworfen sind. Antikapitalismus mit der Zielsetzung, ein paar Schauspieler in diesem Kasperletheater zu verdammen, weil ihr Spiel einigen Zuschauern nicht gefällt, ändert nichts am grundsätzlichen Drehbuch, ist in Wahrheit auch kein Antikapitalismus, sondern höchstens halbgare Kritik und naiver Reformismus. Den pöbelnden Zuschauern geht es ganz offenbar nur um ein neues Drehbuch, neues Make-Up oder bessere Beleuchtung für das globale kapitalistische Stück und nicht darum, worum es gehen sollte: um den Abriss des Theaters und den Aufbau einer neuen Bühne unter freiem Himmel, auf der wir endlich frei atmen und leben können.


Gruppe ISKRA stellt das Buch Plädoyer für Israel vor