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Ein Plädoyer für Israel aus antifaschistischer Sicht

von Antifaschist_innen für Israel

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung“, so am 19.April 1945 die Überlebenden des KZ Buchenwald. Die Losung von Buchenwald war und ist für viele AntifaschistInnen Ansporn und Motivation gegen den Neofaschismus zu kämpfen. Adorno hat die Losung um den Imperativ ergänzt, alles zu tun, damit Ausschwitz oder ähnliches sich nicht wiederholen kann. Dazu gehört, sich gegen jede Form des Antisemitismus zu wenden.

Die Feindschaft gegenüber den Juden, die in vielen Ländern der Welt als kleine Minderheit lebten, hat vor allem im europäischen Raum eine über tausendjährige Geschichte. Im 16.Jahrhundert hat Martin Luther – bis auf den planmäßigen Massenmord – bereits alle Maßnahmen gegen die Juden gefordert, die die Nazis 400 Jahre später durchführten. Ende des 19. Jahrhunderts fand der rassistische Antisemitismus in Deutschland starke Verbreitung, im zaristischen Russland wurden die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ – vom zaristischen Geheimdienst in Umlauf gebracht, die heute – so Scholl-Latour im Konkret-Interview (11/2001) – in Hotels in Saudi-Arabien auf dem Nachttisch ausgelegt sind. Über Jahrhunderte waren die Juden Opfer von Anfeindungen und Pogromen. Antisemitismus ist fester Bestandteil der europäischen Kultur und ist in Deutschland die barbarische Begleitmusik zur Entstehung und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des deutschen Nationalismus.

Die besondere Heimtücke des Antisemitismus – und darin unterscheidet er sich wesentlich vom Rassismus – besteht in der wahnhaften Vorstellung, die Juden seien besonders mächtig und würden im Hintergrund an den Fäden ziehen. Diese ideologische Wahnvorstellung ermöglicht, Juden zum Sündenbock für alles Böse verantwortlich zu machen.

Historisch speist sich der Antisemitismus wesentlich aus zwei Strängen:

  • 1. dem christlichen Antijudaismus, die in den Juden den Christusmörder sehen, was sicherlich tief im Kollektiven Unbewußten der europäischen Kulturen verwurzelt ist;
  • 2. der Tatsache, dass die Juden in der Gesellschaft vorwiegend (aufgrund von Diskriminierung: sie waren von anderen Berufen ausgeschlossen) in der Zirkulationsphäre, d.h. dem Handel mit Geld tätig waren. Das antisemitische Stereotyp vom „raffenden im Gegensatz zum „schaffenden“ Kapital ist sehr bekannt und findet ganz aktuell in der Formulierung „jüdische Wallstreet“ seinen wahnhaften Ausdruck. Kurz gesagt, für Antisemiten sind Juden reiche Parasiten, die von der ehrlichen Arbeit anderer profitieren und die Beherrschung der Welt mit Hilfe der Macht des Geldes anstreben. Dies ist auch heute der Kern reaktionärer Kapitialismuskritik.
  • Der Zionismus, die Idee der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina als Zufluchtsort für die vom Antisemitismus verfolgten Juden aus aller Welt, entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Folge einer Welle antisemitischer Pogrome in Russland und der Dreyfus-Affäre in Frankreich, in deren Verlauf es auch dort zu heftigen Pogromen kam. Viele Juden befürchteten zu diesem Zeitpunkt bereits Schlimmeres, deshalb stellte Theodor Herzl, der Begründer des Zionismus, die Frage:

    „Was war von anderen Völkern zu erhoffen, die noch heute nicht auf der Höhe sind, auf der die Franzosen bereits vor hundert Jahren waren?“

    Die Antwort kam aus Deutschland und hieß HOLOCAUST.

    Mindestens 9 der 11 jüdischen Einwanderungsbewegungen (Alijahs) nach Palästina und später Israel waren antisemitischen Diskriminierungen und Verfolgungen geschuldet. Die erste und zweite Alijah 1882 und 1904 erfolgten aufgrund der Pogrome im zaristischen Russland. Vor, während und nach dem 2. Weltkrieg kamen die meisten Einwanderer als Verfolgte des deutschen Faschismus und als Überlebende des Holocaust nach Israel. Ihnen folgten rund 700.000 arabische Juden: Allein in Libyen gab es es drei Phasen antisemitischer Pogrome, wobei etwa 1945 121 Juden ermordet wurden. Nach der zweiten Pogromwelle von 1948 wanderten 30.000 libysche Juden nach Israel aus. Der Rest folgte nach neuerlichen antisemitischen Unruhen 1967.

    Die Vernichtung des europäischen Judentums durch die deutschen Faschisten war das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts und in seiner Ausdehnung und Umsetzung von barbarischer Einmaligkeit. 6 Mio Juden, ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung, waren von deutschen Faschisten erschossen worden, in den Lagern verhungert und zu Tode gequält, in den Gaskammern der KZ’s erstickt worden. Dieser historischen Wahrheit ist nach 1945 in der BRD entgegengetreten worden mit Leugnung („Ausschwitz-Lüge“), Schweigen (der Tätergeneration gegenüber ihren Kindern), Therapeutisierung („Schuldkomplex“), Relativierung („andere Staaten haben auch Verbrechen begangen“) und Historisierung („die dunkle Zeit von 33-45″).

    Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde sowohl von der UdSSR als auch von den USA die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina befürwortet. Der sowjetische Delegierte Andrej Gromyko sagte vor der UNO:

    „Die Verweigerung des Strebens der Juden nach einem eigenen Staat wäre nicht zu rechtfertigen, besonders unter Berücksichtigung dessen, was es im zweiten Weltkrieg erlebte.“

    Die Sowjetunion setzte sich für zwei unabhängige Staaten, einen arabischen und einen jüdischen, ein.

    Im Mai 1948, einen Tag nach Beendigung der britischen Mandatsherrschaft, wurde in Tel Aviv der Staat Israel gegründet. Diese Proklamation war legitimiert durch die UNO-Resolution 181 vom November 1947, die vorsah, daß in Palästina „unabhängige arabische und jüdische Staaten sowie das Besondere Internationale Regime für den Stadtbezirk von Jerusalem“gebildet werden sollten.

    Es gilt zu begreifen, dass es für die sogenannten „Displaced persons“nach ihrer Befreiung aus den faschistischen Lagern keine Alternative gab als nach Israel zu gehen. Israel bedeutete für sie die Hoffnung, endlich einen Ort auf der Welt zu finden, an dem sie von Verfolgung verschont bleiben würden.

    Bei einer Befragung von mehr als 19.000 DP’s erklärten 97%, sie wollten in Erez Israel leben. Als Alternative gaben 100 von ihnen „Krematorium“ an.

    Durch Auschwitz sind viele Juden erst zu Zionisten geworden und die Haltung, nie wieder wehrlos der Verfolgung gegenüber zu stehen, war eine starke Motivation, das Existenzrecht des Staates Israel zu verteidigen.

    Die UN-Resolution 181 ist als Versuch zu werten, in der Option für zwei Staaten eine Lösung für die schwierige Lage in der Region Palästina zu finden.

    Die angrenzenden arabischen Staaten haben dieser Lösung von Anfang an feindlich gegenüber gestanden. Die 1946 gegründete Arabische Liga unter Führung des ehemaligen Hitler-Kollaborateurs Mufti al-Hussaini stand sowohl einem demokratisch organisierten jüdischen Gemeinwesen als auch einem sich eventuell progressiv entwickelndem arabisch-palästinensischen Staat feindselig gegenüber. Die Region Palästina erstreckte sich auch auf das Territorium Jordaniens und Syriens, so dass ein palästinensischer Staat möglicherweise Gebietsansprüche geltend machen würde. Besonders jedoch ein moderner jüdischer agrarisch-industrieller Staat wurde als Konkurrent betrachtet; die um Machterhalt bemühten Führer arabischer Staaten fürchteten, dass ihre eigene Bevölkerung die Überlebtheit ihrer – in der Regel feudalen – Herrschaftsform erkennen könnte.

    Die Vernichtung des Staates Israel war bereits unmittelbar nach dessen Gründung das Ziel der Arabischen Liga. Deshalb erklärten sie einen Tag nach Gründung des Staates Israels diesem den Krieg. Israel wurde von allen Seiten angegriffen, ging aber als Sieger aus diesem Konflikt hervor, weil es aus dem antiimperialistischen Kampf gegen die Kolonialmacht England über gut ausgebildete Kämpfer aus der Untergrundarmee Haganah verfügte. Die Waffen stammten nicht, wie oft behauptet wird, von den USA, sondern es waren sowjetische Waffen, die illegal über die Tschechoslowakei nach Israel gebracht wurden. Allen politischen Kräfte Israels, einschließlich der Kommunisten, ging es in diesem Krieg um die Verteidigung der Unabhängigkeit und Souveränität, um die Abwehr dieses Angriffs auf seine Existenz. In der Folge dieses Angriffskrieges der arabischen Staate kam es zu Flucht und Vertreibung der pälästinensischen Bevölkerung, wobei die palästinensche Oberschicht in verschiedene arabische Länder übersiedelte und die dortige Staatsbürgerschaft annahm. Im Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern ist es von beiden Seiten zu Gräueltaten gekommen, deren Einzelheiten an dieser Stelle nicht weiter betrachtet werden. Zu erwähnen wäre jedoch, dass die Massaker Jordaniens und Syriens an den Palästinensern in der Weltöffentlichkeit weit weniger Beachtung und Verurteilung fanden als das Vorgehen der israelischen Armee.

    Für die Palästinenser und die arabischen Staaten ist die Feindschaft zu Israel das einende Element einer halluzinierten arabischen Nation. Das Scheitern der Friedensverhandlungen (Barak-Vorschlag) u.a. aufgrund des Beharren auf Maximalforderungen von Seiten der Palästinenser lässt Zweifel aufkommen, ob die Bereitschaft zum Frieden mit Israel tatsächlich besteht oder seine Vernichtung nicht doch das letztendlich angestrebte Ziel geblieben ist.

    Zur Solidaritätsbewegung mit den Palästinensern schreibt Gremliza richtig (2001): „Wer verstehen will, was den Konflikt heute bestimmt, wohin er sich entwickelt oder entwickeln könnte, muß sich von den alten Vorstellungen trennen. Israel kämpft vielleicht zum erstenmal seit seiner Gründerzeit wieder um seine Existenz. Es hat – auch durch eigene Mitwirkung – einen Feind, der auf seine Auslöschung aus ist……Solidarität mit den Palästinensern bedeutet nicht mehr dasselbe wie vordem: Heute ist sie gewollt oder nicht gewollt eine Solidarität mit den Gotteskriegern, mit der Hamas und der Hisbollah. Der Lynchmord von Ramallah, wo ja nicht nur ein paar Sadisten zwei gefangene Israelis verstümmelt haben, sondern die ganze Stadt jubelnd dabeistand, als eine der verstümmelten Leichen durch die Straßen geschleift wurde, zeigt an, in welche Richtung auch die Palästinenser sich verändert haben – von einer Bevölkerung zu einem Volk, von einer säkularisierten Gesellschaft in einen religiösen Mob.“

    Ein Auszug aus dem im Radio gesendeten Freitagsgebet im Oktober 2000 aus der Moschee im Gaza-Streifen, der Prediger ist Mitglied von Arafats Autonomiebehörde: „Habt kein Mitleid mit den Juden, egal wo ihr seid. Bekämpft sie, wo immer ihr seid. Wo immer ihr sie trefft, tötet sie.“

    Die Liste antisemitischer Äußerungen der palästinensisch-arabischen Seite ließe sich endlos verlängern: So konnte man im Internet auf http://www.intifada.de/ für einige Zeit die oben erwähnten „Protokolle der Weisen von Zion“ herunterladen, was nur ein Beispel von vielen ist. Auch die Solidarität deutscher Nazis mit den Palästinensern ist bekannt:

    Die Tatsache, dass Bush im Zuge seiner Suche nach Verbündeten im „Kampf gegen den Terrorismus“ diese im Lager der Israelfeinde sucht, lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen, es besteht die Gefahr, dass der ehemalige „Brückenkopf des Imperialismus“ fallengelassen wird, wenn die Interessenlage der USA dies erfordert.

    Deutschland ist seit dem Ende der DDR – die wie Israel auch eine Konsequenz des deutschen Faschismus war – an der Beseitigung der Folgen seiner Niederlage im 2.Weltkrieg interessiert, die seine ökonomischen/politischen und militärischen Ambitionen als Hegemonialmacht in Europa behindert.

    Israel ist das Gemeinwesen, das die gerade noch einmal Davongekommen in Leben riefen, die Gestalt gewordene Erinnerung an Auschwitz. Die Berichterstattung über den Nahostkonflikt in der deutschen Presse ist von linksaußen über bürgerlich bis rechtsaußen antiisraelisch und ist gegenüber den Palästinensern solidarisch, solange diese nicht als Flüchtlinge nach Deutschland kommen wollen, in diesem Fall würden sie den ganz “normalen“ Rassismus zu spüren bekommen (was für die linke Solidarität nicht zutrifft). Hier wäre zu bedenken bzw. zu fordern, ob bei der Lösung der Flüchtlingsfrage und der Beseitigung des damit verbundenes Elends vieler Menschen nicht Länder wie Deutschland aufgrund ihrer Geschichte zu allererst in der Verantwortung stehen, Abhilfe zu schaffen.

    Die Reaktion der EU auf die Zerstörung des Flughafen und des Hafens im Gaza-Streifen, in der dies verurteilt wird, weil der Bau mit EU-Mitteln finanziert wurde und mit der (leeren) Drohung kombiniert wird, von Israel Schadensersatz zu verlangen, zeigt wie verlogen die Haltung gegenüber Israel ist. Die genannte Staatengemeinschaft mit Deutschland vorneweg hat vor noch nicht all zu langer Zeit in Restjugoslawien durch Krieg, Mord und Zerstörungen ganz anderen Ausmasses verursacht, besitzt also keinerlei moralisches Recht zu solchen Forderungen.

    Wer als Deutscher die Vernichtung des Staates Israel fordert, begibt sich – ob er dies will oder nicht – auch in die Tradition seiner Vorfahren, die die Vernichtung der europäischen Juden betrieben. Das Ende Israels wäre objektiv der Beginn einer neuen Vertreibungsgeschichte, mit der Option zu Schlimmerem. Zudem ist Antifaschismus immer auch die Kritik des völkischen Nationalismus, und diesen betreiben die Palästinenser, wenn sie in eine „Heimat“ zurückkehren wollen, die die meisten von ihnen nie gekannt haben (heute möchte eine Zahl von Palästinensern „zurückkehren“, die die Zahl der damals Geflohenen und Vertriebenen um ein Mehrfaches übersteigt).

    Für Antifaschisten kann nur gelten, dass den Opfern der Judenvernichtung und ihren Nachfahren Solidarität zu erweisen ist. Detlev Claussen sagt hierzu:

    „Wer von Israel spricht, darf von der Massenvernichtung der europäischen Juden nicht schweigen.“

    In Israel leben Menschen, die auf Grund jüdischer Herkunft Verfolgung erlitten haben oder anderswo zu erleiden hätten, weshalb es eine Lüge ist zu behaupten, hier sei ein Staat auf religiösen Prinzipien errichtet worden. Israel war und ist die einzig mögliche Antwort auf den völkischen Antisemitismus, und er ist die bisher einzige nennenswerte Umsetzung von Adornos Diktum:

    „Hitler hat den Menschen im Stande der Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“


    Gruppe ISKRA stellt das Buch Plädoyer für Israel vor