Antiziganismus « [Gruppe ISKRA] ::: Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist unsere Losung.

Antiziganismus

vom Antifaschistischen Bündnis Marzahn/Hellersdorf

Vorurteile und Ressentiments gegenüber den Sinti und Roma sind tief in der Gesellschaft verwurzelt und in dieser auch gesellschafts- und mehrheitsfähig. 64 % (Allensbach, 1992) bzw. 68 % (Emnid, 1994) der Deutschen vertreten demnach eine feindliche Haltung gegenüber den Sinti und Roma kurzum sie zeigen sich offen antiziganistisch.

Bereits in der Verwendung des Begriffes „Zigeuner“ zeigt sich die antiziganistische Grundstimmung in der Gesellschaft. Denn obwohl die meisten wissen, dass dieser Begriff negativ konnotiert ist und sich die Sinti und Roma nicht selbst so bezeichnen, wird er bis heute immer noch unverändert weiter benutzt. Doch allein schon der Begriff „Zigeuner“ täuscht vor, dass es sich bei Angehörigen der Sinti und Roma um „Zieh- Gauner“ bzw. „umherziehende Gauner“ handeln würde.

Es ist jedoch falsch zu glauben, dass der Begriff „Zigeuner“ vom Wort „Zieh- Gauner“ abstammt, da er in vielen Sprachen in ähnlichen Formen auftritt und somit anzunehmen ist, dass es einen gemeinsamen Wortstamm gibt.* Als die ersten Sinti im 15. Jahrhundert in die Gebiete der heutigen BRD kamen, wurde der Begriff noch neutral bewertet.

* „Zigeuner“ So werden die Sinti und Roma bspw. im franz.„tsiganes“ und im Schwedischen „zigeunere“ genannt. Die Wortherkunft ist bis heute nicht einwandfrei geklärt, es ist aber anzunehmen, dass der Begriff aus dem griechischen oder persischen Sprachraum kommt

Doch schon im 16. Jahrhundert verbanden große Teile der Gesellschaft mit dem Begriff eine umherziehende, „nomadische“ Gruppe, die stehlend ihr Leben bewerkstelligte.** Entgegen des oft verbreiteten Vorurteils sind die Sinti und Roma keine Nomaden. Dieser Eindruck entsteht viel mehr dadurch, dass die Sesshaftmachung der Sinti und Roma in allen Zeiten bewusst verhindert wurde. Die ursprünglich aus Indien stammenden christlichen Sinti flohen zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus religiösen Gründen aus der heutigen Türkei nach Europa.

** „Sinti und Roma“ Der Begriff „Sinti und Roma“ ist eigentlich etwas irreführend, da die Sinti im 15. Jahrhundert nach Westeuropa flüchteten. Die Roma kamen erst im 19. Jahrhundert nach Europa. In anderen Sprachen wird die Gruppe der „Sinti und Roma“ nur mit dem Begriff „Roma“ bezeichnet. Außerdem ist zu beachten, dass im Allgemeinen heute zu der Gruppe der „Sinti und Roma“ auch viele andere ethnischen Minderheiten gezählt werden, welche ebenfalls Verfolgte des Nationalsozialismus waren.

Sie wurden zunächst freundlich aufgenommen. Doch bereits am Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Sinti für Spione der Türken gehalten, die damals nach Mitteleuropa vorrückten. Daraufhin wurden sie 1498 vom Freiburger Reichstag als vogelfrei erklärt. Dadurch waren die Sinti, wollten sie in einiger Sicherheit leben, gezwungen sich auf eine fortwährende Flucht zu begeben.

Der Beschluss des Reichstages war jedoch erst der Anfang einer ganzen Serie von „Zigeunergesetzen“, die ein Leben an einem festen, bestimmten Ort unmöglich machten. In Chroniken des 16. und 17. Jahrhunderts wurden die Sinti als sündige Christen dargestellt, die sich auf einer ständigen Bußfahrt befinden, da sie nach Ansicht vieler ChristInnen in der Vergangenheit Fehler begangen und sich mit dem Teufel verbunden haben. Doch nicht nur Sinti und Roma waren solchen und ähnlichen Verleumdungen ausgesetzt.

Auch Jüdinnen und Juden wurden in dieser Zeit als SünderInnen und mit dem Teufel Verbundene bezeichnet und dargestellt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass es zu einer Druchmischung der Vorurteile kam und dass sich viele antijüdische Ressentiments auch auf die Sinti und Roma übertrugen.

Viele der in dieser Zeit entstandenen Vorurteile haben bis heute Bestand und werden auch heute noch unreflektiert von einem Großteil der Gesellschaft reproduziert und weiterhin benutzt. Auch in vermeintlich „aufgeklärteren“ Zeiten gibt es keine grundlegenden Änderungen für die Sinti und Roma in Deutschland.

Im Gegenteil kommt es zu einer weiteren Verfestigung der vorhandenen Ressentiments und zu einer völlig neuen Dimension des Antiziganismus. Hierbei ist besonders der Göttinger Professor Heinrich Moritz Grellmann (1756-1804) zu erwähnen, der 1783 das Buch „Die Zigeuner“ veröffentlichte.

In diesem konnte er zwar den religiös geprägten Antisemitismus überwinden, jedoch begründete er, indem er die Sinti als „orientalisches Volk“ sah, eine neue Form des Antiziganismus, den Rassenantiziganismus. Mit dem Begriff „orientalisches Volk“ waren zu dieser Zeit vor allem negative Eigenschaften wie Faulheit, Minderwertigkeit und Primitivität verbunden. Problematisch an Grellmanns Einschätzung ist außerdem, dass er alle diese „Eigenschaften“ für angeboren und somit eine Erziehung für unmöglich hält. Grellmanns Buch entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem viel gelesen und viel zitierten Werk. Dieser ständige Bezug auf Grellmanns Buch führte dazu, dass sich die Lage der Sinti und Roma nicht verbessern konnte und das sie sich nachfolgend vor allem rassistisch- motivierten Vorurteilen ausgesetzt sahen.

Nicht zuletzt durch antiziganistische Vorurteile wurden die Sinti und Roma ebenso zu Opfern der Nationalsozialisten wie Juden und Jüdinnen, politisch Andersdenkende und andere Gruppierungen, die nicht in das menschenverachtende Bild der Nationalsozialisten passten.

Die kontinuierliche Reproduktion und Verfestigung eben dieser Vorurteile mündete schließlich in der systematischen Vernichtung von schätzungsweise 500 000 Sinti und Roma. Viele Sinti und Roma wurden zunächst in Sammellagern (wie Berlin- Marzahn) interniert und später nach Auschwitz- Birkenau in einen eigenen Lagerabschnitt für Sinti und Roma deportiert.

Trotz der bedrückenden, eindeutigen Tatsachen findet der Massenmord an den Sinti und Roma auch heute noch kaum Eingang in das öffentliche Bewusstsein. Auch die ebenso notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit findet nicht statt und antiziganistische Vorurteile bleiben weiter ein Teil gesellschaftlicher Denkmuster. Und so ist es leider traurige Realität, dass der Antiziganismus heute noch zu den am weitesten verbreiteten gesellschaftlichen Vorurteilen gehört.


Gruppe ISKRA stellt das Buch Plädoyer für Israel vor