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Fegen, Waschen, Kümmern — Reprodukive Tätigkeiten von Migrantinnen

Migration – wer steht eigentlich wo?

Wer macht den Haushalt? (th) “No nation, no border! Fight law and order!” Meinungen und Ansichten zum Thema Migration sind nicht so scharf voneinander getrennt, wie es Aktivist_innen vielleicht gerne hätten. Radikale Forderungen wie die Abschaffung bestehender Grenzen, das Recht auf freie Migration und das Engagement gegen die Festung Europa stehen auf dem Plan, um Menschen ein würdiges Leben überall zu ermöglichen und ihnen die Freiheit auch auf räumliche Selbstbestimmung zu geben. Der Kampf gegen die Illegalisierung von Migrant_innen hingegen bleibt oftmals auf ein paar linksradikale Aktivist_innen beschränkt, während der eine Gewerkschaftsfunktionär und die andere Arbeiterin freier (Arbeits-)migration äußerst skeptisch gegenübersteht. Sozialromantische Vorstellungen eines abgeschotteten Wohlfahrtsstaates bestimmen noch viel zu oft das Denken vieler sich als links Verstehender. Auf der anderen Seite erschrickt die Offene-Grenzen-Aktivistin, dass neben ihr ein Mensch wirtschaftsliberaler Überzeugung steht und selbst auch gern handfest gegen Grenzen und law & order Politik auf die Barrikaden geht, beeinträchtigten sie doch die freie Bewegung von Menschen, die im Liberalismus als eine Grundvoraussetzung für eine prosperierende freie Wirtschaft angesehen wird.
Auf dem Bild: Menschen migrieren Ähnlich gerät die Debatte um Menschenhandel und Zwangsprostitution (sexuelle Gewalt) sichtlich durcheinander; die Problematik, von radikalen Feminist_innen auf die Agenda gesetzt, wird nun mehr von staatlichen Akteuren instrumentalisiert, um Migration nach dem Motto “Wer in seiner Heimat bleibt, kann auch nicht Opfer werden.” einer strengen Reglementierung zu unterwerfen.
Migration ist ein Thema, in dem überkommene Rechts-Links-mind-Kartographien offenbar ihre Orientierungleistung eingebüßt haben.

Feminisierung der Migration

Frau als autonome Migrantin mit Koffer Wer geht, wer bleibt? In der Vergangenheit wurde Migration vor allem als männliches Phänomen angesehen; als Zeugnis von Abenteuerlust, Mut und Draufgängertum bescheinigte es dem Migranten ausgesprochen maskuline Qualitäten – ob als italienischer Goldsucher, der seinem Glück in Kalifornien nachjagte oder der sich in der Automobilindustrie verdingende türkische Gastarbeiter in Mitteleuropa. Karin Sarsenov zeigt in ihrem Aufsatz “Kann denn Reisen Sünde sein?”, dass im Denken vieler Menschen Maskulinität und Mobilität miteinander in enger Beziehung stünden, Frauen als die Mutter der sinnbildlich weiblichen Nation dagegen durch verordnete Sesshaftigkeit mit Verweis auf ihre reprodukiven Tätigkeiten an die Heimat gefesselt seien. Ein Blick auf gängige genderspezifische Modenormen verdeutlicht: “Das Füßebinden in China, aber auch hochhackige Schuhe und enge Röcke dienten dazu, Frauen metaphorisch, aber auch ganz konkret an einem Ort festzuhalten.” (Sarsenov, Karin (2006): Kann denn Reisen Sünde sein? Drei russische Romane über mobile Frauen.) Der Idealtypus der Migration besteht darin, dass der Mann als Hausvorstand allein in die Ferne ging und, wenn es die Lage ermöglichte, Frau und Kind nachholte. Die Vorstellung einer Frau, die allein das Weite sucht, wird demgegenüber mit dem Verlust der Unschuld assoziiert, denn sie trage den Stolz der Nation in sich und die Kontrolle ihrer Sexualität erscheine auf große Distanz in einem fremden Land ihrer Familie und ihrem Mann schwer möglich. Das Stigma der Prostituierten, deren Betätigung als das unausweichliche Ende der Migrantinnen angesehen wurde, sollte solch aufkeimendes Fernweh bereits im Heimatland ersticken:

Im Russischen wie im Englischen, im Deutschen und im Französischen bedient man sich Worten der Bewegung, um jene Eigenschaften zu beschreiben, die eine Prostituierte von einer tugendhaften Frau unterscheiden. Die Hure ist die sljucha, eine, die sich herumtreibt (sljat’sja); sie ist auch die guljascaja zenscina, eine Frau, die die Runde macht, ein Wanderpokal. Die englische Prostituierte geht als streetwalker ebenso auf den Strich wie die deutsche Bordsteinschwalbe. Und auch die französische Dirne fait le trottoir. (zit. nach Sarsenov, Karin (2006))

In heutiger Zeit bezeichnet die Feminisierung der Migration das Phänomen – sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Wirklichkeit – des Anstiegs von Frauen in den Migrationskontingenten. Frauen migrieren immer öfter, auch ohne männlichen Partner. Die Ursachen ihrer Migrationsentscheidung sind äußerst verschieden und reichen von politischer Verfolgung bis hin zur Hoffnung auf eine besser bezahlte Arbeit.

Der duale Arbeitsmarkt

“Wir sitzen (als Lohnabhängige) doch alle im gleichen Boot.” – derlei Aussagen vernebeln die Tatsache, dass der Arbeitsmarkt in seiner Struktur äußerst differenziert ist. Reinigungskräfte sehnen sich ähnlich wie Fluglots_innen nach höheren Löhnen, aber ohne Frage ist die Chance, dass zweitere Forderungen auch tatsächlich durchgesetzt werden gegenüber ersteren ungleich höher. Verschiedene Soziolog_innen betrachten den Arbeitsmarkt deswegen als zweigeteilt. Erstes Arbeitsmarktsegment - sicher und gut bezahlt Im ersten Arbeitsmarkt arbeiten Angestellte, die eher angesehene, solide bezahlte, sichere (sowohl für die Gesundheit als auch in Hinlick auf Arbeitslosigkeit) Tätigkeiten verrichten. Beamte, Lokomotivführer_innen, Arbeiter_innen bei Automobilkonzernen gehören ohne Frage dazu. Sie sind (gewerkschaftlich) gut organisiert und erfreuen sich jedes Jahr über einen höheren Verdienst. Der zweite sekundäre Arbeitsmarkt hingegen erscheint ausgesprochen prekär. Die Tätigkeiten sind anstrengend, gering qualifiziert, gefährlich; die Angestellten haben keine Planungssicherheit, oftmals nicht mal einen Arbeitsvertrag, die soziale Anerkennung in diesem Gebiet ist äußerst gering. Zweites Arbeitsmarktsegment - unsicher und schlecht bezahlt Trotz oder gerade wegen derlei schlechten Arbeitsbedingungen ist jene Personengruppe eher schlecht organisiert. Erntetätigkeiten, Hausarbeit, Sexarbeit, Tätigkeiten im Securitybereich sind Beispiele für dieses Arbeitsmarktsegment. Wie unschwer vorstellbar, ist die Durchlässigkeit beider Segmente eher gering. Soziale Schieflagen hinsichtlich Gender, Klasse, Herkunft usw. schlagen auch auf die Zusammensetzung beider Arbeitsmarktsegmente durch. Vor allem illegalisierte Migrant_innen finden sich im zweiten Arbeitsmarksegment wieder, fehlt ihnen doch sowohl der sichere Status als auch das Kapital, um im Arbeitsmarkt auf höherer Ebene einsteigen zu können. In Bezug auf Gender wird deutlich, dass gerade das zweite Arbeitsmarktsegment idealtypische Frauentätigkeiten bereithält. Doch nicht nur Frauen, auch Jugendliche können es sich leisten, im Sommer für geringeres (wenn auch in ihren Augen gutes) Geld Erdbeeren in anstrengender Hockstellung zu pflücken. Warum das so ist, verrät ein Blick in die Vergangenheit: Hauptverteilungskanal sozialer Anerkennung war stets die Tätigkeit des Vaters bzw. Ehemanns. Die Frau konnte in der Position einer Sekretärin eines kleinen Unternehmens auch hoch geachtet werden, wenn nur der Ehemann z.B. an der Uni als Professor eine Anstellung hatte. Die Kinder Kauflandbroschüren austeilen zu lassen, führt auch heute eher in den allerseltensten Fällen zu Stigmatisierung in der Klasse.

Wer schmeißt den Haushalt?

Erwerbstätigkeit von Frauen, nicht zuletzt auch im ersten Segment, hat in Europa und anderen westlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten enorm an Popularität gewonnen. Die Frage ist, wer bei der Erwerbstätigkeit beider Elternteile die Haus- und Familienarbeit (Reproduktionsarbeit) übernimmt. Die Wohnung muss geputzt, das Essen gekocht, die Kinder betreut, die alten Eltern gepflegt werden, … Putzen Dass Frauen trotz gleicher Arbeitszeit im Beruf um ein Vielfaches mehr als ihre (geschiedenen) Ehemänner, Brüder, Väter… in diesem nicht vergüteten Arbeitsbereich eingebunden sind, ist allgemein bekannt. Wenn innerfamiliäre verbale Auseinandersetzungen nichts nützten, hatte das verschiedene Konsequenzen: Im Osten vor allem die Doppelbelastung der Frau, denn das Einstellen von Hausarbeiter(_)innen war als bourgeoises Relikt weithin verpönt. Im Westen konnte die Frau, verdiente sie ausreichend, eine Arbeitskraft einstellen, die die Hausarbeit verrichtete. Allein der Blick darauf, dass eben in den meisten Fällen die Frau einstellt, kontrolliert und bezahlt, unterstreicht, dass trotz Auslagerung diverser Tätigkeiten nachwievor in ihrem Verantwortungsbereich liegen. Wen einstellen? Kochen Die studierte, aber gerade arbeitslose Nachbarin? Das geht gar nicht, denn Distanz ist gefragt. Um ein ausreichendes Maß an Distinktion zu schaffen, sollte die Arbeitskraft einer niedrigeren Klasse angehören und möglichst aus einem anderen Land stammen. So haben wir das Gefühl, trotz geringer Bezahlung etwas Gutes zu tun.
Die arbeitende Migrantin befindet sich als Angestellte bei ihrer Arbeitgeberin in einer äußerst prekären Lage. Die Wohnung als einer der von der Verfassung am meisten geschützten Orte behütet sie einerseits vor Kontrollen hinsichtlich illegalisierter Beschäftigung, auf der anderen Seite ist die Arbeit an der Schnittstelle zwischen privatem und marktgesteuertem Bereich aber auch verschiedenen Bedingungen unterworfen. Abhängigkeitsverhältnisse überlagern sich in diesem Bereich, die Arbeitgeberin ist darauf angewiesen, dass die Migrantin die Hausarbeit verrichet, um eben ihrer eigenen Lohnarbeit nachgehen zu können, auf der anderen Seite kann sie aber auch der Migrantin im Falle eines prekären Aufenthaltsstatus rigoros die Arbeitsbedingungen diktieren. Kümmern: Baby sitten Wohnt zudem die Migrantin noch in der Familie, spart sie zwar das Geld für die Miete, verzichtet auf kurz oder lang aber auf einen großen Teil ihrer Freizeit nach Dienstschluss, wenn sie auch später noch hier und da mit “kleinen Tätigkeiten” ihrer Arbeitsgeberin zur Hand geht. Dass sich bei täglichem mehrstündigem Kontakt emotionale Beziehungen zur betreuten Person (Kinder und/oder alte Menschen) entwickeln, kann wiederum ausgenutzt werden. Aber nicht nur psychische Anstrengungen, sondern auch physische Gefahren zieht Hausarbeit nach sich, insbesondere, wenn die Arbeitgeberin mit allen Mitteln versucht, die Kosten zu senken:

There was a washing machine there but they wouldn’t let me use it, so I washed in hands. […] after six months I got a terrible rash on my hand, it hurt terrible, and the lady fired me because she said that this could be infectious and she doesn’t want me around her house. I didn’t have money for the doctor […] (zit. n. Krzystek, Karolina (2008): Integration of female migrants into labor market and society. Biographical policy evaluation. The polish case.)

Die Beziehung zwischen Arbeitgeberin und Hausarbeiterin bewegt sich im Spektrum zwischen mütterlicher, bevormundender Fürsorge und in Pedanterie umschlagende, agressive Dominanz. Die Gründe für derlei pathologische Ausformungen sieht Anna Titkow in der marginalisierten Stellung von Frauen in der öffentlichen Sphäre, die sie im privaten Bereich zu kompensieren versuchen. Die Ideologie der getrennten Sphären ist weiterhin wirkmächtig und zeigt offensichtlich negative Rückkopplungen auf die migrantische Hausangestellte als letztes Glied in dieser Hierarchiekette.
Die abschließende Bewertung bezahlter Reproduktionsarbeit indes fällt schwer. Auf der einen Seite ermöglicht dieser Tätigkeitsbereich ein, wenn auch durch ökonomische Zwänge begrenzt, selbstbestimmteres Leben der Migrantin. Auf der anderen Seite, von einem glasklar emanzipativen Standpunkt aus betrachtet, müsste natürlich auch im privaten Bereich das Verursacherprinzip Geltung beanspruchen: Wer das Bad zudreckt, sollte es gefälligst auch selbst saubermachen. Wird Hausarbeit endlich auch als diese benannt und ihr in diesem Zusammenhang auch der Wert einer Arbeit zuerkannt, kann das ohne Zweifel nur gut für die Beschäftigten im Bereich Reproduktionsarbeit sein. Gleichzeitig müssen hier bestehende Ausbeutungsverhältnisse thematisiert werden, denn der Mehrwert, der hier erzeugt wird, ist ungeheuer groß, kann ein Professor doch für 4 Euro die Stunde den Boden von einer Ukrainerin wischen lassen, während er einen Essay zum Thema Biodiversität in einer Wochenzeitschrift veröffentlicht und für diesen 800 Euro verdient.
Die Unterstützung von Migrantinnen, ihre eigene Position zu stärken, muss auf die Forderung nach freier Migration setzen, sodass die Betroffene frei von einem prekären Aufenthaltsstatus eigenen Ansichten von einem sicheren, fair bezahlten Arbeitsplatz besser Nachdruck verleihen kann.


1 Antwort auf “Fegen, Waschen, Kümmern — Reprodukive Tätigkeiten von Migrantinnen”


  1. 1 Fegen, Waschen, Kümmern « mädchenblog Pingback am 18. August 2009 um 16:25 Uhr
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