Musterungsvermeidungsstrategien — Ein Selbstversuch « [Gruppe ISKRA] ::: Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist unsere Losung.

Musterungsvermeidungsstrategien — Ein Selbstversuch

(th) Hey Boy! Die Bundeswehr ist Scheiße, Du willst keinen Wehrdienst leisten, findest Zivildienst aber auch irgendwie doof. Du möchtest den bürokratischen Apparat der Bundeswehr verlangsamen oder stören. Die Gründe, überhaupt nicht dienen zu wollen, sind vielfältig und legitim, sie reichen von Pazifismus bis Liberalismus, von der schlichten Faulheit und dem starken Unwillen, sich herumkommandieren zu lassen, bis … die Argumente sind kunterbunt

Musterung! try to survive!!

Dienstag, 07:30 Uhr. Es ringt an der Tür, ich mache auf.
«Sind Sie Herr K. Q.?»
«Ja, bin ich»
«Polizei, wir führen Sie zur Musterung vor.»
- Das war das Ende meiner langjährigen Musterungsvermeidung, die leider eben nicht vermieden werden konnte, aber im Gegensatz zu Gleichaltrigen deutlich verspätet und überraschend mich dann überwältigte.

Wir, die ISKRA, wollen unserem holistischen Politikanspruch gerecht werden, bieten also nicht nur Gesinnungsaufsätze, sondern auch praktische Hilfe und Beratung für Jugendliche in schwierigen Lebenslagen — zu denen Wehr- und oder Zivildienstbedrohungen eines selbstbestimmten, individualistischen unbeschwerten Lebens natürlich dazugehören. Einschlägige, über den Internetversand erstehbare Ratgeber, kostenpflichte Beratungen, Informationsmöglichkeiten über Safer-Not-Join gibt es zu genüge. Das Meiste, was dort drin steht, kann man auch in Internetforen nachlesen. Derlei Informationen sollten kein Geld kosten – Ein Selbstversuch eines ISKRA-Mitglieds wird hier mehr oder weniger ausführlich dokumentiert und soll Euch einen Überblick bieten, wie reagieren wenn der Zwangsdienst dunkel am Horizont aufzieht.

Wie das passieren konnte, weiß ich bis heute auch nicht. Ich habe eigentlich auf alles Acht gegeben, meine Mitbewohner_innen informiert (natürlich öffnete ich schließlich selber die Tür), einen Leitfaden an die Tür gehängt «Was tun bei Staatsgängelei, wenn die Polizei vor der Tür steht» und einen regen Schriftverkehr mit meinem zuständigen KWEA geführt.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste heißt Totalverweigerung und führt über beharrliches Nichtstun unweigerlich in die Arrestzelle Deiner Dir zugewiesenen Kaserne. Du machst schlicht und einfach nichts, beantwortest keine Briefe, gehst nicht zur Musterung, früher oder später wirst Du von der Polizei abgeholt und am Ende kasernieren Dich die Feldjäger zwangsweise. Auch dort fällst Du durch stoisches Nichtstun auf, befolgst einen Befehl nach zweimaliger Wiederholung immer noch nicht und wirst wegen Befehlsverweigerung angeklagt. Jene Strategie ist ohne Zweifel ein Märtyrium gegen die Bundeswehr, Du opferst Dich, Dein weißes polizeiliches Führungszeug, Dein unschuldiges Vorstrafenregister einem höheren hehren Ziel, der Abschaffung der Bundeswehr. Deine Moralität in allen Ehren beschert Dir in der Konsequenz aber eine hohe Summe Gerichtskosten, einen möglichen Gefängnisaufenthalt und überhaupt blanke Nerven.
Die zweite Möglichkeit heißt Musterungsvermeidung. Aufgrund fehlender qualitativer Märtyermerkmale habe ich jene Möglichkeit der ersten vorgezogen. Musterungsvermeidung erfordert im Anfang ein wenig mehr Aufwand. Briefe Deines Kreiswehrersatzamtes solltest Du sorgfältig lesen. Mache Dir das Bild, dass sich die Militärbürokratie von Dir macht; Was wissen Sie von Dir: Name, Geburtsort und -datum, und Meldeadresse, genau das, was auf Deinem Personalausweis draufsteht, nur ohne Lichtbild.

Die mentale Vorbereitung auf den Augenblick, die Polizei hat bereits ein mal zuvor bei meiner ersten Meldeadresse geklingelt, ich war also vorgewarnt, zum Trotz – am Ende vergaß ich doch wieder die Basics. Zwar lies ich mir den Vorführungsbefehl zeigen, fragte naiv, ob ich den denn auch behalten könne, doch die beiden zivilen Polizeibeamten nach Name, Dienstnummer und Vorgesetzten zu fragen, fiel mir erst ein, als es bereits zu spät war. Ich dürfte mich ausgefertig machen. Noch etwas bedeppert im Schlafanzug stehend wollte ich mich gerne richtig anziehen, doch ein Polizeibeamter wollte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht mein Zimmer verlassen; also notgedrungen im Bad umziehen.

Wenn irgendwann die gelben Briefe ins Haus flattern, deren Nichtbefolgen oder Nichtbeantworten mit einer Geldbuße geahndet werden kann, solltest Du anfangen in engeren Briekontakt mit deiner_m zuständigen Sachbearbeiter_in zu treten. Es kann sich eine rege Brieffreundschaft entwickeln, Du teilst ihm_ihr mit, dass Du zu diesem und jenem Termin eine Klausur schreiben musst, im Sommer hier und dorthin verreist und lässt ihn_sie auch an intimieren Facetten Deines Lebens teilhaben, wie zum Beispiel Deiner Krankengeschichte. Telefonischer Kontakt und/oder Blickkontakt wird das gegenseitige Bild nachhaltig zerstören und sollte infolge dessen tunlichst vermieden werden. Das Aufrechterhalten jener Beziehung ist nicht sehr teuer, ab und zu kaufst Du Dir ein paar Briefmarken, Umschläge und Papier. Strenggenommen handelt es sich hierbei um einen Abnutzungskrieg zwischen der Bürokratie auf der einen Seite und Wehrdienstvermeidern auf der anderen Seite. Dass Du Briefe, solange sie nicht gelb sind, einfach nicht bekommst, ist klar. Aber auch das Kreiswehrersatzamt bedient sich gerne solcher schmutziger das Vertrauen untergrabener Guerillo-Taktiken.

Dein persoenlicher Briefwechsel

Darum sei nicht geizig und schicke Briefe stets als Einschreiben mit Rückschein, die bekommen sie garantiert. Leg Dir vielleicht einen Ordner an, hefte alles ordentlich ab, mache Kopien von Deinen eigenen Briefen, so verlierst Du nicht den Durchblick. Und sei solidarisch, nimmst Du sehr viel Zeit und Geld der Wehrverwaltung in Anspruch, fehlt diese vielleicht bei dem 16-jährigen Markus, der auch nicht sonderlich viel Lust hat, zu dienen. Ziehst Du irgendwann von Zuhause aus, vielleicht in eine WG, ist es ratsam, Deine WG-Mitbewohner_innen zu informieren. Ein kleiner Leitfaden an der Tür kann dabei helfen:
Wenn es klingelt, schauen wie spät es ist, die Polizei kommt gerne zu unmenschenlichen Uhrzeiten
Durch den Spion gucken, ob es die Polizei ist
die betreffende Person ist nicht da, keine Ahnung wo sie ist, sich Dokumente zeigen lassen,…

Als es klingelte hat auch der Leitfaden wenig geholfen. Ich schaute durch die Tür, rechnete aber nicht damit, dass die Polizei in zivil auftaucht. Als sie dann schließlich drinnen waren, ich mich derweil im Bad frisch machte, schauten sie sich den “Leitfaden” sehr genau an. Eigentlich alles sehr unverfänglich, wäre da nicht die Fußnote 4, in der Stand, dass sie K. zur Musterung vorführen wollen. Ich hatte entgegen meiner Aussage zur Polizei also von der anstehenden Vorführung gewusst.”Das ist kein Kindertheater”, und um den eindrucksvollen Worten Taten folgen zu lassen, legten Sie mir Handschellen an, es bestehe erhöhte Fluchtgefahr. Eine Stunde Fahrt durch Berlin, langsam wird das Metall unangenehm, sie haben anscheinend bei der Herstellung der Handschellen vergessen, die Kanten rund zu feilen.

Im Kreiswehrersatzamt einfach losgehen, vielleicht das Klo aufsuchen und dann aus dem Fenster kriechen. Die Bürokratie reagiert natürlich auf derlei Vorkommnisse, sodass sie Dich in ein Büro bringen, dann nehmen sie Dir Deinen Ausweis ab und erst dann verabschiedet sich die Polizei. Wenn Du jetzt losgehst, kann das mit einem Bußgeld geahndet werden. Ob Du Dich jetzt mustern lässt, dem_der Arzt_in Deine über Monate zurechtgelegte Krankengeschichte abspulst, natürlich End-oder Anfangsstrahl ins Gläschen ablässt, oder nach Hause gehst, bleibt Dir überlassen. Nimm Dir ein paar Minuten Zeit für diese Entscheidung.

typische Musterungssituation

Ich habe mich mustern lassen. Habe mich vermessen und wiegen lassen und die Urinprobe abgegeben. Das Gespräch beim Arzt war sehr interessant, es hatte etwas Katharsisches. Und was hatte ich nicht alles gehabt, Durchfall regelmäßig, Unwohlsein, Unmengen von Krankheiten, Knochenbrüche, das Graben in meinem Kopf fing an. Was noch, was fehlt, richtig, ständig knicke ich um, Hohlfuß mit Spreizzehen. “Sie hatten also im Juli einen Bandscheibenvorfall, wie kam es denn dazu?” Ich hatte nie einen Bandscheibenvorfall, richtig, mein Arzt hatte ihn mir verschrieben, als ich wiedereinmal nicht zur Musterung konnte. Nun geriet ich ganz schön ins Rudern, denn den Wikipedia-Artikel zum Bandscheibenvorfall hatte ich leider nicht zu Ende gelesen, weder Ursache noch Behandlung waren mir klar. Drum erzählte ich dies und jenes, das meiste war entweder sehr unrealistisch oder aber der Arzt hätte tiefgläubig sein müssen, um mir solche Genesungswunder abnehmen zu können. Am Ende scheiterte alles an meinen Bändern, T5. Ende im Gelände, bevor ich es überhaupt betreten hatte.


9 Antworten auf “Musterungsvermeidungsstrategien — Ein Selbstversuch”


  1. 1 Mühsam Müßiggänger 13. Juni 2009 um 18:12 Uhr

    Bei mir war’s damals auch voll gechillt…
    Das linke Bein war bzw. ist 3cm(Super Augenmaß, ist mir selber aber nie aufgefallen) kürzer als das rechte Bein…T5 ;)
    Den Leuten da auf jeden Fall von Anfang an klar machen, dass mensch keinen Bock auf die Scheiße hat. Irgendwann wirst du den so unsympatisch, dass die dich von selbst Ausmustern ;)

  2. 2 Marcel 15. Juni 2009 um 22:11 Uhr

    Ja, kann ich nur bestätigen. Einfach hingehen und vor den Leuten einfach Deine vorher zurechtgelegte Leidensgeschichte abspulen. Man muss nicht unbedingt lügen, Übertreibung bringt’s auch. Beim Hörtest ein wenig taub, beim Sehtest etwas blind sein und schließlich die chronischen Rückenschmerzen beim Schulsport erwähnen. Jut is‘… T5.

    Bei mir in der Klasse wird mittlerweile einer nach dem anderen zur Musterung vorgeladen. Einige haben dort erwähnt, dass sie Zivildienst machen wollen. Riesenfehler, die wurden natürlich gemustert. Dabei habe ich den Leuten gesagt, dass man das auf gar keinen Fall machen soll. Pech!

  3. 3 arno nüm 20. Juni 2009 um 22:41 Uhr

    hmm, erstmal die frage wieso mensch morgens um 7.30 uhr die tür aufmacht, wenn da 2 kunden stehen die mensch nicht kennt und die nach bullen aussehen!!??? ich mein, is garantiert nicht die post… ich habe aus pol. gründen meine verweigert (nein, nicht total verweigert, bind kein märtyrer)ohne probleme 4 jahre verzögert, die bullen waren mit amtshilfeersuchen der bw und vorführungsbeschluss ca. 16 mal bei mir…DIE SCHEIß TÜR BLEIBT ZU!!!! sind doch nur bullen und wirklich was, dürfen die auch nicht. wenn die cops auch noch fragen, is mensch der und der, sagt mensch natürlich nö,und nicht ja!!! is schon selten dumm! naja, meine mitbewohnerin hat beim 17. mal halt die tür aufgemacht. hab dann mit den cops noch ein kaffee getrunken und sind dann schön aufs kwea gefahren. die spacken ham mich vor der tür rausgelassen, ich bin durch die erste tür gegangen, die sind weggefahren und ich dann zur bushalte. :->>>
    naja, 3 stunden später ham se wieder geklingelt und dann gabs die acht und sie ham mich diesmal richtig reingebracht. ich mein, der spass hat ja nix gekostet. also mich zumindest nicht… bis zur meiner musterung war ich schon doppelt so teuer für die, wie 2 wehrdienstleistende (wo ich natürlich auch den ‚zivildienst‘ zähle)!!!! ALSO: musterung verweigern, durch krankschreibungen zu dem termin etc… wer nicht gemustert ist, dem können sie auch nix!!!!!!!!!!!!!! mensch, mensch, mensch…. man muss sich doch nicht ein fadenscheinigen grund ausdenken, die zivilversager sollen schon merken, was mensch von ihnen hält, oder was?!!! zur not einfach stupide jeden wisch ignorieren den sie einem schicken, kostet dann halt mal 50,- eus bussgeld…, beim ersten unentschuldigten fehlen. JA, HALLO???? gehts noch???? den auch noch freiwillig in den becher pissen? was soll denn das???? mensch wird da mit den scheiß cops vorgeführt und die einzige logische konsequenz ist natürlich, dass man in dem ganzen stall und bei jeder gelegenheit nur einen satz sagt: ICH VERWEIGERE DIE MUSTERUNG!!!! sollst mal sehen wie dumm die schauen… und es ist vollkommen legal!!!!!!!!! mensch muss gar nix aktiv dazu beitragen. wenn es dumm für dich läuft, mustern sie dich nach augenschein auf T3 oder T4… weiß garnicht, ob sie dich dann für ihre truppe mittlerweile überhaupt noch brauchen können.

    A lles
    C ool,
    A lles
    B estens!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!1

  4. 4 nurso 21. Juni 2009 um 10:25 Uhr

    „In Israel gilt eine Wehrpflicht von 36 Monaten für Männer und 24 Monaten für Frauen, von der ultraorthodoxe Juden, israelische Araber sowie alle nichtjüdischen, schwangeren oder verheirateten Frauen ausgenommen sind. Unter Ableistung eines zivilen Ersatzdienst von ein bis zwei Jahren ist es allein Frauen gestattet, der Wehrpflicht aus Gewissensgründen nicht nachzukommen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Israel#Milit.C3.A4r

  5. 5 Anonym 02. Juli 2009 um 19:13 Uhr

    Ich habe heute mein brief bekommen was muss ich da alles machen zur musterrung ???

  6. 6 iskra 04. Juli 2009 um 20:28 Uhr

    hallo anonym,

    vielleicht koenntest du uns einfach mal schreiben, welche art von brief bei der reingeschneit ist. die erste einladung, eine weitere, mit postzustellungsurkunde verschickt oder ohne. das wuerde uns helfen, dir ratschlaege zu geben.

    beste gruesse

  7. 7 Anonym 05. Juli 2009 um 22:53 Uhr

    der erste brief aber möchte gerne wissen was da gemacht wird so

  8. 8 Anonymous 12. Juli 2009 um 12:04 Uhr

    Bei Wikipedia ist die Musterungsverweigerung übrigens ganz gut beschrieben, wer das vorhat, sollte sich das vlt. mal durchlesen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Musterung#Musterungsverweigerung

  9. 9 Erwin 02. Oktober 2010 um 9:51 Uhr

    Moin, 3mal entschuldigt gefehlt, 2x unentschuldigt…
    der erste Gelbe Brief ist so eben hier angekommen :D
    Jetzt einafch Btm konsumieren und hingehen oder Ärztliches Attest,w as meint ihr`?=)

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