Plädoyer für Israel – Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen, von Alan M. Dershowitz « [Gruppe ISKRA] ::: Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist unsere Losung.

Plädoyer für Israel – Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen, von Alan M. Dershowitz

(th) Die Operation Gegossenens Blei (27.12.2008 – 18.01.2009), in Deutschland unter dem Terminus Gazakrieg rezipiert, zeigt sehr deutlich, welchen Eindruck der noch immer ungelöste Palästinensisch-Israelische Konflikt auf die deutschen Gemüter erweckt.Das Buch - Plädoyer fuer Israel Waren die Ansichten auf den Krieg in der deutschen Medienlandschaft noch durchaus differenziert, veranschaulichte die auf der Straße von (vermeintlichen) Friedensaktivist_innen geübte Kritik ein homogeneres, mitunter von der sozialen Herkunft der Beteiligten unabhängiges, Bild. Demonstrationen und Kundgebungen gegen das „Gaza-Massaker“ fanden in allen mittelgroßen Städten, organisiert von Palästinensischen Gemeinden, Islamischen Vereinen, der deutschen Linken und christlichen Friedenskreisen, statt. Einzelne israelsolidarische Kundgebungen blieben auf die Großstädte Berlin, München und Frankfurt am Main beschränkt. Derlei politische Versammlungen und Reaktionen der staatlichen Ordnungskräfte (Vgl. „Flaggen-Skandal“ in Duisburg) bieten einen tiefen Blick in die politische Kultur Deutschlands.
Eine zentrale Frage in der Diskussion über den Nah-Ost-Konflikt zielt auf die Unterscheidung zwischen Kritik und Ressentiment ab. Welche Aussagen sind im politischen Meinungsstreit, hier geht es um die Regeln des Diskurses, legitim und welche disqualifizieren sich. Was ist konstruktive Kritik und wie wollen wir über den Nah-Ost-Konflikt reden, welcher Duktus soll der verbalen Auseinandersetzung zu Grunde liegen?
Henryk M. Broder grenzt den Begriff Ressentiment deutlich von Vorurteil oder Kritik ab (Vgl. Broder 2008, S. 2). Während letzterer auf das Verhalten des zu kritisierenden Objekts abzielt, stellt das Ressentiment die bloße Existenz jenes in Frage. Die so oft geübte Israelkritik ist also dann legitim, wenn sie nicht die Existenz des jüdischen Staates anzweifelt. Antisemitische Stereotype („Kindermörder Israel, Kindermörder Israel!“) und kruder eliminatorischer Antizionismus und Antisemitismus („Tod, Tod Israel!“) erfüllen offensichtlich nicht die Kriterien, die an eine konstruktive Kritik israelischen Regierungshandeln gestellt werden dürfen.
Die Kritik an dem Staate Israel ist das Thema des Buches „Plädoyer für Israel – Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen“, verfasst von Alan Dershowitz, promovierter Jurist und amerikanischer Anwalt. Er widmet sich in seinem Buch einem ganz besonderen Fall. Es ist der Fall Israel, ein sich über Jahrzehnte ziehender Prozess von Neuverhandlungen und Revisionen, der die Weltgemeinschaft einlädt, sich in Gerechtigkeit zu üben. Dem Beklagten Israel wird vorgeworfen, sich in zahlreichen Vergehen gegen Völkerrecht, Humanität und Frieden, schuldig gemacht zu haben:

„Israel ist ein imperialistischer Staat.“
„Die Juden haben den Holocaust für sich ausgeschlachtet.“
„Die europäischen Juden, die in Palästina einwanderten, haben Palästinenser verdrängt, die dort seit Jahrhunderten gelebt hatten.“
„Israel hat sich des Völkermords an der palästinensischen Bevölkerung schuldig gemacht.“
„Israel ist ein rassistischer Staat.“
„Es gibt eine moralische Äquivalenz zwischen palästinensischem Terror und der israelischen Reaktion.“

Das Buch erschien in der englischsprachigen Originalfassung „The Case For Israel“ 2003. Dershowitz stand beim Verfassen dieses Buches unter dem Eindruck des Scheiterns der Israelisch-Palästinensischen Friedensverhandlungen von Camp David II vom Juli 2000, bei dem Jassir Arafat ohne Unterbreiten eines Gegenangebots die Verhandlungen abbrach. Dershowitz zitiert dabei im Kapitel 17 „Hat Arafat Baraks und Clintons Vorschlag zurecht abgelehnt?“ affirmativ Prinz Bandar von Saudi-Arabien, der die Ansicht vertritt, Arafats Ablehnung sei „ein Verbrechen gegen die Palästinenser, ja gegen die gesamte Region.“ Die verpasste Chance und die zweite Intifada mit all ihren Opfern auf palästinensischer wie auf israelischer Seite gehe nach Dershowitz auf das Konto von Arafat, den er für jedes verlorene Leben seit den 25.07.2000 persönlich verantwortlich macht.
Seit 2001 erschienen der Nah-Ost-Konflikt und die öffentliche Resonanz, die er erfährt, in einer ganz neuen Qualität. Forderungen nach einem Boykott israelischer Waren, internationale antiisrsraelische Tribunale wie jenes von Durban 2001, und Aufrufe, israelische Wissenschaftler_innen zu boykottieren, zeigen, dass ein großer Teil der Weltöffentlichkeit Israel gegenüber kritisch bisweilen auch feindlich eingestellt ist.
Dershowitz, versuchend seiner Meinung nach überkommenen antiimperialistischen Gewissheiten zur Geschichte Israels den Wind aus den Segeln zu nehmen, behandelt in „Plädoyer für Israel“ insgesamt 31 Vorwürfe, die die Grenzmarke zum Ressentiment zum Teil deutlich überschreiten. Am Anfang eines jeden Kapitels benennt er die Ankläger und stellt in kurzen Zitaten Vorwürfe, denen sich Israel ausgesetzt sieht, dar. Die Ankläger sind bekannte Anti- und Postzionisten: Noam Chomsky, Edward Said, Ilan Pappe, Norman G. Finkelstein. Anschließend legt Dershowitz in einer akribischen Analyse die Unwahrheit jener Aussagen offen und entlarvt sie ihrer moralischen Doppelbödigkeit.
Alan M. DershowitzDie Quintessenz des Buches gipfelt in der Behauptung, „keine andere Nation der Weltgeschichte [war] angesichts vergleichbarer Herausforderungen hinsichtlich der Menschenrechte um einen höheren Standard bemüht, [hat] mehr auf Sicherheit unschuldiger Zivilisten geachtet […] oder [wäre] auch nur bereit gewesen, für den Frieden derart viele Risiken einzugehen.“ (Dershowitz 2005, S. 17)
„Plädoyer für Israel“ ist einerseits eine Sammlung von Argumenten, die oben genannten Vorwürfen entgegen gehalten werden können, andererseits eine essayistische Abhandlung darüber, welche formalen Mindeststandard eine angemessene Israelkritik erfüllen sollte. Im Teil Beweis eines jeden Kapitals begibt sich Dershowitz mit seinen Leserinnen und Lesern auf einen Exkurs in die Vergangenheit, in die Anfänge des Staates Israel und erläutert wichtige Wendepunkt in der Geschichte des jungen jüdischen Staates. In jenen Teilen erinnert „Plädoyer für Israel“ an ein Geschichtsbuch für Interessierte. Er zitiert Führerinnen und Führer der arabischen und israelischen Seite und untermauert seine Sicht der Dinge mit umfangreichem, solide recherchiertem Zahlenmaterial. Zur Unterstützung seiner proisraelischen Argumentation zieht Dershowitz aber keineswegs ausschließlich Zitate von Freundinnen und Freunden Israels heran, sondern antizionistischer und zum Teil antisemitischer arabischer Führer, deren Aussagen einen offenen Einblick in die Motive und Kalküle ihres Handelns geben.
In Einleitung und Schlussfolgerung des Buches stellt Dershowitz seine Überzeugungen von den Mindestanforderungen an eine fundierte Israelkritik dar. Wann ist Kritik am Handeln Israels gerechtfertigt und wann nicht?

„Solange die Kritik fair bleibt, solange sie Vergleiche zieht und nichts aus dem Kontext reißt, sollte man sie fördern, nicht diskreditieren. Aber wenn man die jüdische Nation als einzige für Fehler rüffelt, die bei anderen weitaus stärker ausgeprägt sind, dann überschreitet die Kritik die Trennlinie zwischen akzeptabel und antisemitisch, zwischen Fairniß und Foul.“ (Dershowitz 2005, S. 16)

In Kürze: Wer Kritik an Israel richtet, muss darauf Acht geben, nicht eines der drei D zu erfüllen, Dämonisierung, Delegitimierung und doppelter Standard.
Das Buch ist für Freunde Israels, denen in der einen oder anderen hitzigen Debatte zum Nah-Ost-Konflikt nicht die passenden Argumente einfallen, wie in ihrem Selbstverständnis nach dem Staate Israel gegenüber kritisch eingestellte Personen, die eigene Ansichten einer Nagelprobe unterziehen wollen, gleichermaßen interessant. Dabei wartet Dershowitz stets mit kühnen Behauptungen auf und man darf gespannt sein, wie seine Kontraargumentation um die These „Israel hat das arabische Flüchtlingsproblem geschaffen.“ aussieht. Dabei kontrastiert der erfrischende, polemische Duktus Henryk M. Broders, der das Vorwort verfasst hat, den nüchternen, sachlichen Stil Alan M. Dershowitz’. Er besticht durch juristische Präzision, mit deren Hilfe er verschiedenste Sachverhalte aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet (z.B. Stellt der Abriss von Häusern eine Form von Kollektivstrafe dar?). Mit Motivation, Elan und einer guten Portion Selbstbewusstsein hat Dershowitz „Plädoyer für Israel“ verfasst, ein gelungenes Buch, aber Broder hat Recht:

„Es ist ein Skandal, daß es geschrieben werden mußte, dazu von einem Juden und Amerikaner. Es hätte von einem deutschen Juristen geschrieben werden müssen, einem Völkerrechtler oder einem christlichen Theologen, jedenfalls von einer Autorität aus dem Milieu der Mahner und Beschwörer, die sich an jedem 9. November zu den traditionellen Geisterstunden treffen, um „Nie wieder 33!“ und „Wehret den Anfängen!“ zu rufen.“ (Broder 2005, S. 7)

Der Gazakrieg liegt mittlerweile zwei Monate hinter uns und Mitte April lädt der UN-Menschenrechtsrat, dem 47 Staaten angehören, zur Durban-Folgekonferenz gegen Rassismus. Es ist zu erwarten, dass sie wie Durban I 2001 zu einem antiisraelischen Tribunal degeneriert. Im Vorbereitungskommitee sitzen ausgewiesene Menschenrechtsexperten wie Libyen, Iran, Pakistan und Kuba. Israel als der Jude unter den Staaten (Léon Poliakov) wird an den Pranger gestellt, Tiraden von Ressentiments sollen ihn diskreditieren und die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen nimmt Schaden. „Plädoyer für Israel“ wird auf absehbare Zeit nicht viel von seiner Notwendigkeit eingebüßt haben.

Bibliographische Angaben:
Broder, Henryk M. (2005): Israel – eine Open-End-Session mit ungewissem Ausgang, In: Dershowitz, Alan M. (2005): Plädoyer für Israel. Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen, Leipzig.
Broder, Henryk M. (2008): Antisemitismus ohne Antisemiten, Stellungsnahme vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages, heruntergeladen am 15.03.2009, http://www.bundestag.de/ausschuesse/a04/anhoerungen/anhoerung14/
stellungnahmen_sv/Stellungnahme_08.pdf
Dershowitz, Alan M. (2005): Plädoyer für Israel. Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen, Europa Verlag GmbH Leipzig. Preis: 19,90 Euro
Medick, Veit (2009): Deutschland soll Israel-kritische Uno-Konferenz boykottieren, erschienen am 13.03.2009 auf SPIEGEL-Online, heruntergeladen am 13.03.2009, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,612954,00.html



Gruppe ISKRA stellt das Buch Plädoyer für Israel vor