Bildungfahrt zum Stasi-Knast – eine erste Auswertung « [Gruppe ISKRA] ::: Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist unsere Losung.

Bildungfahrt zum Stasi-Knast – eine erste Auswertung

stasikanst (iskra, NY) „Den Sozialismus im vollen Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“, meinte einst Erich Honecker und lag damit wohl etwas im Unrecht. „Ochs und Esel“ haben den Sozialismus vielleicht wirklich nicht aufgehalten, aber der Protest und der wachsende Widerstand der Zivilbevölkerung sorgten für den Zusammenbruch des Staatssozialismus à la DDR.
Die Auseinandersetzung über diese Vergangenheit spielte für uns, Mitglieder der ISKRA, eine zunehmende Rolle. Nicht selten hören wir Sätze wie „die DDR war ja gar nicht so schlecht“ und die eine oder andere Fahne des ersten „Arbeiter- und Bauerstaates auf deutschem Boden“ kamen wir ebenfalls auf „linken“ Demonstrationen zu sehen. Für uns stellte sich die Frage, warum für viele vermeidlich Linke die DDR ein so starker Identifikationspunkt ist. Und besonders interessant war die Frage, warum auch junge Menschen, die sich als links bezeichnen und die DDR überhaupt gar nicht miterlebten, mit dieser generell betrachtet positive Assoziationen verbinden. Es entwickelten sich weitere Fragen. Wir beschrieben unser Anliegen wie folgt: „Wir wollen erfahren, inwieweit die damaligen Verhältnisse – stalinistisch geprägte Diktatur – mit dem Anspruch an die Wirklichkeit – Demokratie, freiheitlich-kommunistischer Gedanke – übereinstimmen“. Zusammenhängend war damit auch die Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundsätzen der DDR und den tatsächlichen Verhältnissen sowie dessen Wahrnehmung durch Zeitzeugen.

Um mehr über diese Punkte zu erfahren, entschieden wir uns, eine Bildungsfahrt in das ehemalige Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen zu organisieren und Interessierte mit einzuladen. Uns war dabei bewusst, dass die Darstellung der Stasiativitäten nicht die gesamte Gesellschaft der DDR thematisieren kann. Wer sich aber mit totalitären Systemen beschäftigen will, und als dieses schätzen wir die DDR ein, muss sich mit dem Sicherheitsapparat des Systems auseinadersetzen, denn dieser nimmt zur Erhaltung dessen eine Schlüsselfunktion ein, oder wie es Hannah Arendt formuliert: „Das Wesen totalitärer Herrschaft in diesem Sinne ist der Terror […]. Terror als der folgsame Vollstrecker natürlicher oder geschichtlicher Prozesse fabriziert dieses Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radikal vernichtet.“
Dass das Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ein zutiefst menschenverachtendes ist, merkten wir im sogenannten „U-Boot“, wie das Gefängnis wegen der größtenteils fensterlosen Zellen genannt wurde. Hier hausten die Häftlinge; ein Teil von ihnen wurde in Verhören durch Schlafentzug, stundenlanges Stehen, tagelangen Arrest und vermutlich auch durch den Aufenthalt in Wasserzellen bzw. durch Wasserfolter zu Geständnissen gezwungen. Allerdings muss bei der Betrachtung des Gefängnisses die Zeitepoche der DDR-Geschichte beachtet werden, da wir durch die Erfahrungen der Zeitzeugin, welche uns durch die Gebäude führte, das Gefühl bekamen, dass mit zunehmenden Ende der DDR auch die Haftbedingungen menschlicher wurden. Dies können wir nach dem Besuch nicht eindeutig beweisen, woraus sich für uns weitere Fragen ergeben: Wurden die oben beschrieben Methoden im Gefängnis weitergeführt? Wenn nicht, wie wurden die Gebäude weiter benutzt?
Als positiv bewerten wir die Tatsache, dass die Rolle der Architektur bei der Untermauerung des Gefängnisalltags und der damit verbunden Unterdrückung der Gefangenen deutlich wurde.

Bei der Betrachtung um den Gefängnisalltag möchte ich allerdings nicht bleiben, da die Auseinandersetzung mit der Stasi bzw. der DDR-Geschichte weitere Themen anreist und auch zu Problemen führen kann. Eine solche Erfahrung machten wir gleich zu Beginn der Rundführung, als die Zeitzeugin das Gefängnis mehrfach hintereinander als „Konzentrationslager“ bezeichnete. So kam es zur Situation, dass die Rolle der Zeitzeugin gleich zu Beginn in Frage gestellt wurde, da wir den Begriff „Konzentrationslager“ für die Zeit des Nationalsozialismus zuordnen bzw. das Wort zutreffend auf die Vernichtungslager wie Auschwitz ist. Wenn aber Berlin-Hohenschönhausen mit dem gleichen Begriff umschrieben wird, so meinten wir, würde die Shoa und die Verbrechen der Nationalsozialisten relativiert werden. Allerdings zeigte sich die Zeitzeugin wenig beeindruckt und so drehte sich die Diskussion im Kreis. Erwähnenswert ist aber, dass nirgendwo in der Gedenkstätte auf Tafeln oder Flyern die Rede vom „Konzentrationslager“ ist, sondern das Gefängnis als „Speziallager“ bezeichnet wird. Die Unterscheidung war für uns aus oben genannten Gründen wichtig. Wir empfehlen es deshalb, die Zeutzeugin als solche zu begreifen und in dieser Rolle ihre Position nicht in Frage zu stellen, allerdings ist sie bei der Bewertung und Einordnung der Verbrechen der DDR nicht mehr als eine Hobby-Historikerin, dessen Aussagen in diesem Zusammenhang in Frage gestellt werden müssen. Bei der Einordnung der DDR-Verbrechen muss differenziert werden. Der Historkier Wolfgang Wippermann umschreibt dies wie folgt: „Wenn man diese und andere Vergleiche anstellt [bspw. Berlin-Hohenschönhausen und Auschwitz], abstrahiert man vom nationalsozialistischen Rassenkrieg und Rassenmord, für den es in der DDR kein Äquivalent gab. Kann und darf man von Auschwitz abstrahieren? Führen Vergleiche zwischen der kleinen DDR und dem „Großdeutschen Reich“ nicht automatisch zu einer strukturellen Relativierung der Schrecken des nationalosialistischen „Rassenstaates“? Ich meine, dass dies so ist, und plädiere dafür, von diesen Vergleichen Abstand zu nehmen oder zumindest eine Theorie aufzustellen, durch die die Möglichkeit und Grenzen derartiger Diktaturvergleiche bestimmt werden.“ Die Einzigartigekit der Shoa darf bei der Betrachtung der DDR nicht in Frage gestellt werden, in keinster Weise!

Auf Grund dieser thematischen Auseinandersetzung über Begrifflichkeiten, welche die Zeitzeugin sichtlich nervte, bestand die Gefahr, dass der Rundgang schon abgebrochen wird, bevor er überhaupt erst begann. Aus unserer Sicht müssen die Schilderungen der Zeitzeugin reflektiert und ausgewertet werden. Es muss eine Differenzierung eigener Erlebnisse und Erlebnisse Anderer stattfinden.

In unseren Nachbereitungstreffen wollen wir nun die Präsentation von Ergebnissen vorbereiten, auch um andere Menschen ebenfalls an diese Thematik heran zu führen und diese zur Diskussion über die DDR-Vergangenheit einzuladen. Hier stellt sich die Frage, wie die Auseinandersetzung über DDR-Vergangenheit aussieht und inwiefern eine kommunistisch-emanzipatorische Perspektive in der Betrachtung um die Menschheitsverbrechen erkennbar ist bzw. diese aussehen kann. Denn Fakt ist, DDR-Politik und -alltag waren kein Weg zur Emanzipation des Individuums und dürfen trotz sozialen Wohlstands nicht bejubelt werden. Auf der anderen Seite muss unsere Betrachtung bezüglich der Vergangenheit zwischen 1945 bis 1990 der Shoa gerecht werden. Um eine linke DDR-Kritik zu ermöglichen, werden wir uns nun thematisch weiter mit der DDR, der Stasi sowie mit Totalitarismustheorien beschäftigen. Dabei halten es wir auch für möglich, Zeitzeugengespräche, angefangen bei eigenen Familien bis hin zu Politikern, zu führen. Auch das Thema Überwachung wird eine Rolle spielen genauso wie Diskussionen über die Erinnerungskultur in Deutschland. Bisher haben wir das Gefühl nur an der Oberfläche gekratzt zu haben, wir benötigen allerdings noch weitere Eindrücke.

Die Ergebnisse könnten in unterschiedlichster Weise präsentiert werden. Vorstellungen gibt es von Ausstellungen, Broschüren bis hin zu eigenen Infoveranstaltungen. Einen Zeitplan für die Präsentation der Ergebnisse gibt es nicht.


2 Antworten auf “Bildungfahrt zum Stasi-Knast – eine erste Auswertung”


  1. 1 Fuechslein 11. April 2008 um 17:47 Uhr

    Es wird hier erstaunlich viel Energie darauf verwendet, auf der Abgrenzung zwischen den systematischen Mordmaschinerien von Nationalsozialismus und Sozialismus zu bestehen.
    Tatsache ist, dass jedes Land, in dem eins von beiden in welcher Form auch immer als Staatsform praktiziert wurde oder wird, eine solche Säuberunseinrichtung benötigt(e), um zu überleben.

    Nimmt man deren prominenteste Vertreter, Hitler und Stalin, so stellt man fest, dass sie sich in Menschenverachtung in nichts nachstehen. Aus welchen ideologischen / politischen Gründen man tötet oder welche Art von Menschen man systematisch umbringen lässt, ist bei der moralischen Bewertung solcher Taten irrelevant.

    Der Terminus „Konzentrationslager“, nach der Definition seiner Schöpfer, trifft absolut auf das zu, was einem so gut wie jeder Zeitzeuge einer solchen Anstalt in der DDR bzw. der Sowjetunion erzählen kann.

    Linke Gesinnung wird gerne, besonders von Schülern und Studenten, als edel empfunden, weil man dem Irrglauben erliegt, es sei besonders weit von dem entfernt, was nach der Nazizeit (wahrerweise) zum Schlimmsten denkbaren Verbrechen stilisiert wurde. Mit dem aus linken Ideen entstandenen Sowjetregime ist das nachher nicht getan worden. Im Gegenteil, viele alte Sowjet-Zeitzeugen, darunter Lehrer, Mitarbeiter in öffentlichen Einrichtungen und Politiker vermissen Sie als vermeintliche Lösung für Probleme, wie sie in einer Marktwirtschaft auftreten und loben Dinge, die sie dereinst als besser empfunden haben.
    Wer dies mit Aspekten des Nationalsozialismus tut, steht sofort in der Defensive.
    Tatsächlich stehen sozialistische Gesinnungen den Nationalsozialisitschen so nah, dass viele „Apparaturen“ des Letzteren ironischerweise in der DDR einfach weiter verwendet werden konnten.

    Es kommt auf das an, was man in seiner Jugend irgenwann lernen sollte, ein gesundes Mittelmaß, die Fähigkeit zwischen Extremen einen praktikablen Ausgleich zu schaffen. Dann, aber auch nur dann, funktioniert Politik auch ohne Massenmord.

  2. 2 tiffany 12. Oktober 2009 um 4:21 Uhr

    Der Kommentar vom 11. April ist geschichtsrevisionistisch, faktisch falsch und geilt sich an der antiemanzipatorischen Extremismustheorie auf. Die Gesinnung, wieso Menschen ermordet wird, ist absolut entscheidend in der Bewertung der Verbrechen. Ich möchte keinesfalls die Gulags rechtfertigen, noch möchte ich. Antisemitismus an sich ist jedoch die verabscheuenswürdigste Ideologie – einer genaueren Erläuterung bedarf es an dieser Stelle, glaube ich, nicht. Und der Antisemitismus fand nuneinmal seinen „Höhepunkt“ in der Shoah und dem deutsch-systematischen Massenmord an 7 Millionen Jüdinnen und Juden. Dies ist nicht zu leugnen! Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang jedoch auch die antisemitische Praxis der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg, die jedoch in keinerlei Verhältnis zur deutschen Barbarei steht. Die Shoah ist ein singuläres Ereignis!
    Wichtig bei der „Nationenbewertung“, die dann später in die antideutsche/antinationale Kritik mit einfließen muss, ist außerdem die „Art“ des Nationalismus. Bei deutschem Nationalismus handelt es sich um explizit völkischen (im Gegensatz zum US-Nationalismus bspw.).
    Doch zurück zu dem Kommentar von „Fuechslein“: Diese behauptet, „Es kommt [darauf] an, […] ein gesundes Mittelmaß, die Fähigkeit zwischen Extremen einen praktikablen Ausgleich zu schaffen [, findet].“ Im emanzipatorischen Bestreben nach einer „besseren Welt“ ist dies einfach nur Unsinn! Dieser Satz bezieht sich klar auf Extremismus-“Forscher“, die nicht im Ansatz versuchen, Ideologie zu kritisieren…

    Ich hoffe, der April-Eintrag von „Fuechslein“ wird gelöscht oder – sollte der Kommentar (zur Dokumentation) stehenbleiben – wenigstens dieser als Gegendarstellung ebenfalls stehen bleibt.

    -- eine emanzipatorische Antideutsche

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