Norman Finkelstein hat die Reise Dank des politischen Drucks gegen ihn abgesagt. Der Dokumentation halber ist der Aufruf gegen ihn weiterhin auf unserem Blog.
Was zu viel ist, ist zu viel. Keine Toleranz für Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus!
Kundgebung gegen den Auftritt von Norman G. Finkelstein am 26. Februar in Berlin
Wann: Freitag, 26.02.2010 / 18:00 Uhr
Wo:Vor der Junge Welt-Zentrale in der Torstraße 6 in Berlin-Mitte (Nähe U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz [U2])
Wir rufen dazu auf, sich an der Kundgebung gegen den Auftritt von Finkelstein zu beteiligen! Antisemitismus, Antizionismus und Geschichtsrevisionismus sind nicht tolerierbar – egal in welchem Gewand sie auftreten!
Unter dem Motto „1 Jahr nach dem Überfall der israelischen Armee auf Gaza – die Verantwortung der deutschen Regierung an der fortgesetzten Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung.“ soll am 26. Februar einem selbst ernannten Historiker eine Plattform zur Bedienung antisemitischer, antizionistischer und geschichtsrevisionistischer Positionen gegeben werden.
Norman G. Finkelstein ist für seine extremen und revisionistischen Aussagen und Standpunkte bekannt. So betonte der Politikwissenschaftler und Publizist Matthias Küntzel bereits 1998: „Bei Finkelstein verändert sich die Szene in der Tat: Das deutsche Verbrechen wird überdeckt und die Schuldfrage auf den Kopf gestellt. Die Juden werden als die Täter und die Nichtjuden als deren Opfer gezeichnet. Die Holocaust-Studies – so Finkelsteins zentrale These – verfolgten das Interesse, allen Nicht-Juden ein potentielles Interesse am Judenmord zu unterstellen, um so dem Staate Israel eine ‚totale Lizenz‘ für ‚Aggression und Folter‘ ausstellen zu können.“
Finkelstein ist international bei Antisemiten beliebt, weil ihm allein durch die Tatsache, dass er sich als Jude und Sohn von Holocaust-Überlebenden bezeichnet, Glaubwürdigkeit und die absolute Wahrheit bescheinigt wird. Fakten und wissenschaftliche Forschung spielen bei der Verbreitung seiner Thesen eine untergeordnete Rolle. Entsprechend gestaltet sich auch die Liste seiner Fürsprecher: so begrüßt die rechtsextreme Wochenzeitung Junge Freiheit immer wieder Finkelsteins Publikationen und veröffentlichte in der Vergangenheit wiederholt ausführliche Zitate von ihm. Des Weiteren fordert die Junge Freiheit immer wieder die vollständige Übersetzung seiner Werke ins Deutsche. Auch die rechtsextreme National-Zeitung feierte wiederholt Finkelsteins Werke und begrüßte den Kampf gegen die „Unterdrückungsversuche“ durch deutsche Juden. In den USA gehört der zur Zeit in Österreich lebende Verfechter der Weiße-Rasse-Theorie und Antisemit David Duke zu den Bewunderern Finkelsteins.
Das Middle East Media Research Institute (MEMRI) dokumentierte ein Interview mit Finkelstein im libanesischen Fernsehen im Januar 2008, in dem er seine Solidarität mit der antisemitischen Terrororganisation Hisbollah ausdrückte und das Anliegen der Hisbollah (also u.a. die Vernichtung Israels) mit dem Kampf von Widerstandsgruppen gegen die Besatzung von europäischen Nationen durch Nazideutschland gleichsetzte. Des Weiteren betonte er im selben Interview: “Selbst Hitler wollte keinen Krieg. Er hätte seine Ziele viel lieber friedlich erreicht, wenn er gekonnt hätte.“
Solche geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Aussagen dürfen keine Plattform erhalten! Wer ihn zu diesen Themen einlädt und seine Thesen dadurch weiter legitimiert, wird nur Konflikte schüren und Gräben vertiefen.
Es ist zudem ein untragbarer Zustand, dass neben verschiedenen israelfeindlichen Organisationen die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft “Frieden und Internationale Politik“ der Partei DIE LINKE zur Teilnahme an dieser Veranstaltung aufruft und diese mit organisiert. Zudem ist es ebenso erschreckend, dass die Gelder für die Veranstaltung aus den Töpfen der Stiftung Deutsche Klassenlotterie kommen.
Es ist allerdings erfreulich, dass das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung aufgrund kritischer Interventionen ihre Unterstützung für die Veranstaltung kurzfristig abgesagt hat und ihre ursprüngliche Entscheidung sich an dem Finkelstein-Vortrag zu beteiligen sehr bedauert. Zudem ist es auch zu begrüßen, dass der Nutzungsvertrag des eigentlich geplanten Veranstaltungsortes – die Trinitatis-Kirche am Karl-August-Platz in Charlottenburg – kurzfristig gekündigt wurde. Des Weiteren ist zu begrüßen, dass auch der geplante Ausweichort für die Veranstaltung gekündigt wurde – die Rosa-Luxemburg-Stiftung möchte die Veranstaltung nicht in ihren Räumlichkeiten am am Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain stattfinden lassen. So müssen die Veranstalter jetzt in die Zentrale der Zeitung “Junge Welt“ in Mitte ausweichen.
Daher werden wir werden jetzt nicht am Karl-August-Platz und auch nicht am Franz-Mehring-Platz, sondern vor der Torstraße 6 dagegen protestieren, dass offensichtlich der Versuch unternommen wird, ein antisemitisches Paradigma gesellschaftsfähig zu etablieren. Dies darf nicht unwidersprochen hingenommen werden!
Unterstützerliste: Landesarbeitskreis Shalom Berlin der Linksjugend [’solid], Landesarbeitskreis Shalom Brandenburg der Linksjugend [’solid], Arbeitskreis Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Berlin-Brandenburg, Autonome Neuköllner Antifa (Berlin), Bündnis madstop (Potsdam), Gruppe ISKRA (Frankfurt/Oder), Linksjugend [’solid] Treptow-Köpenick (Berlin), Jüdische Gemeinde zu Berlin, Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (Berlin), Jusos Berlin, Antifaschistisches Bündnis Süd-Ost (Berlin), Emanzipative Antifaschistische Gruppe EAG (Berlin)

Für den 5. September 2009 mobilisieren die Dortmunder Neonazis europaweit zum so genannten „nationalen Antikriegstag“. Dieser hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Aufmärsche der sich selbst als „Autonome Nationalisten“ bezeichnenden Nazis entwickelt. Sie nehmen international eine Vorreiterrolle für die aktionsorientierte extreme Rechte ein, so dass der Ausgang des Aufmarsches Relevanz für die kommende Entwicklung der Szene in Deutschland und in Europa haben wird. Dementsprechend hat dieser Aufmarsch mit „Event-Charakter“ eine ganz besondere Brisanz, die nicht nur den Dortmunder Nazistrukturen Aufwind verleihen soll.
(th) “No nation, no border! Fight law and order!” Meinungen und Ansichten zum Thema Migration sind nicht so scharf voneinander getrennt, wie es Aktivist_innen vielleicht gerne hätten. Radikale Forderungen wie die Abschaffung bestehender Grenzen, das Recht auf freie Migration und das Engagement gegen die Festung Europa stehen auf dem Plan, um Menschen ein würdiges Leben überall zu ermöglichen und ihnen die Freiheit auch auf räumliche Selbstbestimmung zu geben. Der Kampf gegen die Illegalisierung von Migrant_innen hingegen bleibt oftmals auf ein paar linksradikale Aktivist_innen beschränkt, während der eine Gewerkschaftsfunktionär und die andere Arbeiterin freier (Arbeits-)migration äußerst skeptisch gegenübersteht. Sozialromantische Vorstellungen eines abgeschotteten Wohlfahrtsstaates bestimmen noch viel zu oft das Denken vieler sich als links Verstehender. Auf der anderen Seite erschrickt die Offene-Grenzen-Aktivistin, dass neben ihr ein Mensch wirtschaftsliberaler Überzeugung steht und selbst auch gern handfest gegen Grenzen und law & order Politik auf die Barrikaden geht, beeinträchtigten sie doch die freie Bewegung von Menschen, die im Liberalismus als eine Grundvoraussetzung für eine prosperierende freie Wirtschaft angesehen wird.
Ähnlich gerät die Debatte um Menschenhandel und Zwangsprostitution (sexuelle Gewalt) sichtlich durcheinander; die Problematik, von radikalen Feminist_innen auf die Agenda gesetzt, wird nun mehr von staatlichen Akteuren instrumentalisiert, um Migration nach dem Motto “Wer in seiner Heimat bleibt, kann auch nicht Opfer werden.” einer strengen Reglementierung zu unterwerfen.
Wer geht, wer bleibt? In der Vergangenheit wurde Migration vor allem als männliches Phänomen angesehen; als Zeugnis von Abenteuerlust, Mut und Draufgängertum bescheinigte es dem Migranten ausgesprochen maskuline Qualitäten – ob als italienischer Goldsucher, der seinem Glück in Kalifornien nachjagte oder der sich in der Automobilindustrie verdingende türkische Gastarbeiter in Mitteleuropa. Karin Sarsenov zeigt in ihrem Aufsatz “Kann denn Reisen Sünde sein?”, dass im Denken vieler Menschen Maskulinität und Mobilität miteinander in enger Beziehung stünden, Frauen als die Mutter der sinnbildlich weiblichen Nation dagegen durch verordnete Sesshaftigkeit mit Verweis auf ihre reprodukiven Tätigkeiten an die Heimat gefesselt seien. Ein Blick auf gängige genderspezifische Modenormen verdeutlicht: “Das Füßebinden in China, aber auch hochhackige Schuhe und enge Röcke dienten dazu, Frauen metaphorisch, aber auch ganz konkret an einem Ort festzuhalten.” (Sarsenov, Karin (2006): Kann denn Reisen Sünde sein? Drei russische Romane über mobile Frauen.) Der Idealtypus der Migration besteht darin, dass der Mann als Hausvorstand allein in die Ferne ging und, wenn es die Lage ermöglichte, Frau und Kind nachholte. Die Vorstellung einer Frau, die allein das Weite sucht, wird demgegenüber mit dem Verlust der Unschuld assoziiert, denn sie trage den Stolz der Nation in sich und die Kontrolle ihrer Sexualität erscheine auf große Distanz in einem fremden Land ihrer Familie und ihrem Mann schwer möglich. Das Stigma der Prostituierten, deren Betätigung als das unausweichliche Ende der Migrantinnen angesehen wurde, sollte solch aufkeimendes Fernweh bereits im Heimatland ersticken:
Im ersten Arbeitsmarkt arbeiten Angestellte, die eher angesehene, solide bezahlte, sichere (sowohl für die Gesundheit als auch in Hinlick auf Arbeitslosigkeit) Tätigkeiten verrichten. Beamte, Lokomotivführer_innen, Arbeiter_innen bei Automobilkonzernen gehören ohne Frage dazu. Sie sind (gewerkschaftlich) gut organisiert und erfreuen sich jedes Jahr über einen höheren Verdienst. Der zweite sekundäre Arbeitsmarkt hingegen erscheint ausgesprochen prekär. Die Tätigkeiten sind anstrengend, gering qualifiziert, gefährlich; die Angestellten haben keine Planungssicherheit, oftmals nicht mal einen Arbeitsvertrag, die soziale Anerkennung in diesem Gebiet ist äußerst gering.
Trotz oder gerade wegen derlei schlechten Arbeitsbedingungen ist jene Personengruppe eher schlecht organisiert. Erntetätigkeiten, Hausarbeit, Sexarbeit, Tätigkeiten im Securitybereich sind Beispiele für dieses Arbeitsmarktsegment. Wie unschwer vorstellbar, ist die Durchlässigkeit beider Segmente eher gering. Soziale Schieflagen hinsichtlich Gender, Klasse, Herkunft usw. schlagen auch auf die Zusammensetzung beider Arbeitsmarktsegmente durch. Vor allem illegalisierte Migrant_innen finden sich im zweiten Arbeitsmarksegment wieder, fehlt ihnen doch sowohl der sichere Status als auch das Kapital, um im Arbeitsmarkt auf höherer Ebene einsteigen zu können. In Bezug auf Gender wird deutlich, dass gerade das zweite Arbeitsmarktsegment idealtypische Frauentätigkeiten bereithält. Doch nicht nur Frauen, auch Jugendliche können es sich leisten, im Sommer für geringeres (wenn auch in ihren Augen gutes) Geld Erdbeeren in anstrengender Hockstellung zu pflücken. Warum das so ist, verrät ein Blick in die Vergangenheit: Hauptverteilungskanal sozialer Anerkennung war stets die Tätigkeit des Vaters bzw. Ehemanns. Die Frau konnte in der Position einer Sekretärin eines kleinen Unternehmens auch hoch geachtet werden, wenn nur der Ehemann z.B. an der Uni als Professor eine Anstellung hatte. Die Kinder Kauflandbroschüren austeilen zu lassen, führt auch heute eher in den allerseltensten Fällen zu Stigmatisierung in der Klasse.
Dass Frauen trotz gleicher Arbeitszeit im Beruf um ein Vielfaches mehr als ihre (geschiedenen) Ehemänner, Brüder, Väter… in diesem nicht vergüteten Arbeitsbereich eingebunden sind, ist allgemein bekannt. Wenn innerfamiliäre verbale Auseinandersetzungen nichts nützten, hatte das verschiedene Konsequenzen: Im Osten vor allem die Doppelbelastung der Frau, denn das Einstellen von Hausarbeiter(_)innen war als bourgeoises Relikt weithin verpönt. Im Westen konnte die Frau, verdiente sie ausreichend, eine Arbeitskraft einstellen, die die Hausarbeit verrichtete. Allein der Blick darauf, dass eben in den meisten Fällen die Frau einstellt, kontrolliert und bezahlt, unterstreicht, dass trotz Auslagerung diverser Tätigkeiten nachwievor in ihrem Verantwortungsbereich liegen. Wen einstellen?
Die studierte, aber gerade arbeitslose Nachbarin? Das geht gar nicht, denn Distanz ist gefragt. Um ein ausreichendes Maß an Distinktion zu schaffen, sollte die Arbeitskraft einer niedrigeren Klasse angehören und möglichst aus einem anderen Land stammen. So haben wir das Gefühl, trotz geringer Bezahlung etwas Gutes zu tun.
Wohnt zudem die Migrantin noch in der Familie, spart sie zwar das Geld für die Miete, verzichtet auf kurz oder lang aber auf einen großen Teil ihrer Freizeit nach Dienstschluss, wenn sie auch später noch hier und da mit “kleinen Tätigkeiten” ihrer Arbeitsgeberin zur Hand geht. Dass sich bei täglichem mehrstündigem Kontakt emotionale Beziehungen zur betreuten Person (Kinder und/oder alte Menschen) entwickeln, kann wiederum ausgenutzt werden. Aber nicht nur psychische Anstrengungen, sondern auch physische Gefahren zieht Hausarbeit nach sich, insbesondere, wenn die Arbeitgeberin mit allen Mitteln versucht, die Kosten zu senken: 


Waren die Ansichten auf den Krieg in der deutschen Medienlandschaft noch durchaus differenziert, veranschaulichte die auf der Straße von (vermeintlichen) Friedensaktivist_innen geübte Kritik ein homogeneres, mitunter von der sozialen Herkunft der Beteiligten unabhängiges, Bild. Demonstrationen und Kundgebungen gegen das „Gaza-Massaker“ fanden in allen mittelgroßen Städten, organisiert von Palästinensischen Gemeinden, Islamischen Vereinen, der deutschen Linken und christlichen Friedenskreisen, statt. Einzelne israelsolidarische Kundgebungen blieben auf die Großstädte Berlin, München und Frankfurt am Main beschränkt. Derlei politische Versammlungen und Reaktionen der staatlichen Ordnungskräfte (Vgl. „Flaggen-Skandal“ in Duisburg) bieten einen tiefen Blick in die politische Kultur Deutschlands.
Die Quintessenz des Buches gipfelt in der Behauptung, „keine andere Nation der Weltgeschichte [war] angesichts vergleichbarer Herausforderungen hinsichtlich der Menschenrechte um einen höheren Standard bemüht, [hat] mehr auf Sicherheit unschuldiger Zivilisten geachtet […] oder [wäre] auch nur bereit gewesen, für den Frieden derart viele Risiken einzugehen.“ (Dershowitz 2005, S. 17)
„Es gibt keinen vernünftigen Grund, am 13. Februar um getötete Deutsche zu trauern. Das, was am 13. Februar alljährlich geschieht, ist keine unpolitische „Erinnerungsarbeit“, sondern ein kollektives Ritual. Gedenken kann und muss man dem mit der Bombardierung verbundenen Tod und Leid der wirklichen Opfer: der Zwangsarbeiter_innen, der Jüdinnen und Juden, aber auch der Kinder. Sie alle werden zwar oft für die Rechtfertigung des Gedenkspektakels missbraucht, aber um sie geht es im Gedenken überhaupt nicht. Die Gemeinsamkeit aller bunten und abstrusen Geschichtsverzerrungen zeigt sich darin, dass für den 13. Februar 1945 eine im Kern unschuldige und unbeteiligte, wenn nicht gar widerständische deutsche (und natürlich erwachsene) Zivilbevölkerung konstruiert wird, mit der die eigene Identifikation möglich ist. Zentral für diese Identifikation ist die Ausschaltung aller Reflexion und Bewusstseinsanstrengung; die organisierte Gedenk-Show bewegt sich vollständig auf der Ebene von unmittelbaren Affekten. Abstrakt betrachtet wird der „Kontext“, bestehend aus den deutschen Verbrechen; doch gerade wie sie in einer mythologischen Ausdrucksweise einfach benennbar sind, entziehen sie sich der realen Vorstellungskraft der Zuhörer_innen, werden entwirklicht. Der obligatorische Absatz zur „Vorgeschichte“ erfüllt in der pathetischen Gedenkrede die Aufgabe des notwendigen Spannungsbogens für den eigentlichen Höhepunkt, der sich auf der rein emotionalen Ebene bewegt: die falsche Identifikation mit der individuellen Erlebnis- und Leidensgeschichte. Hier erst kommen die vorher ausgeblendeten Deutschen als Individuen ins Spiel: als individuelle „Opfer“. Ihre dramatischen Zeitzeugnisse sind für den „gesunden Menschenverstand“ der Trauerbürger_innen, die genau eine solche emotionale Show erwarten, leicht greifbar. In der Ausschaltung jeder geschichtlichen Reflexion wird das Gedenken zur billigen Propaganda-Kundgebung. Wollte man der tatsächlichen Opfer gedenken, so müsste mit jedem positiven Bezug, jeder Identifikation mit den für den Nationalsozialismus verantwortlichen Deutschen gebrochen werden. Gegen das eigene falsche Bedürfnis nach Empathie angesichts der nicht zu leugnenden Leiden der Deutschen ist die aus dem Begriff des geschichtlichen Zusammenhangs entspringende Kälte des Verstandes notwendig; nur sie kann die ungebrochene Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren. An keinem Punkt des Dresdner Gedenkspektakels und des zugehörigen Diskurses findet der Bruch mit dem falschen Bedürfnis nach Einfühlung und Identifikation statt. Jeder am 13. Februar verlesene dramatische Zeitzeug_innenbericht von „deutschen Opfern“ ist ein handfestes Stück Geschichtsrevisionismus. “
Doch ist das den Bundesbürger_innen auch bewusst? Dass sich 21% der Bundesbürger_innen die Mauer zurück wünschen, gehört genau zu diesem Sachverhalt. So hat sich vor allem eine Enttäuschung in den peripheren Regionen Ostdeutschlands breitgemacht. Die versprochenen „blühenden Landschaften“ sind als Lüge enttarnt und Hoffnungen auf Wohlstand und Glückseligkeit zerschellten mit der Erkenntnis über die Ungerechtigkeit der bundesdeutschen Realpolitik. Da hätten nicht wenige nun doch gerne auf die D-Mark verzichtet? Verwundern kann das nicht. So floss die geliebte D-Mark für Ossis abseits der Groß- und Kreisstädte ab spätestens 1992 ohnehin oftmals nur durch das Arbeitsamt. Wer nicht wegging aus Uckermark, Lausitz, Vogtland oder dem „Chemiedreieck“, wurde Zeuge der stetig weiter verblühenden Landschaften. Junge Hochqualifizierte gingen in den Westen. Zurück blieben vor allem Alte, Kranke, Nazis und die Ausweglosigkeit, die alle verband. Wer sich heute in ehemaligen Industriestädten umsieht, findet Trostlosigkeit, sagenhafte Filmkulissen, leer stehende Plattenbauten und die Spuren des Untergangs der Industrialisierung. Diese wiederum werden von nicht wenigen Soziolog_innen beleuchtet. So bezeugt auch Wolfgang Kil in seinem 2004 erschienenen Buch „Luxus der Leere“ den Untergang des Industriezeitalters und appelliert ohne Scheu an einen gesunden Menschenverstand: „Auch wenn anderswo in Europa, ja selbst in anderen Regionen Deutschlands, klassische Industriearbeit noch immer die ökonomischen wie die alltagskulturellen Strukturen bestimmt- es wird höchste Zeit den „Industrialismus“ als ein historisches Phänomen zu begreifen, das nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende kennt!“
Städte werden immer größer. Nach Großstädten folgten Megacities und demnächst bekommt Tokio den Status einer Hypercity. Was von außen wie ein spannendes Universum aussieht, ist innerhalb geprägt von Ausbeutung und Knechtschaft. Kaum ein Mensch kann diesen Monsterstädten noch entkommen, da nur dort die Arbeit das Geld verspricht. Aber fast niemand kann gut genug in diesen Monsterstädten leben. Erst recht nicht, wenn die Mieten ins Unermessliche steigen und chinesische Wanderarbeiter in Shanghai deshalb in Kabinen von Internetcafe´s übernachten. Im Vergleich dazu sind bei den aktuellen Wirtschaftsprognosen für die Bundesrepublik im kommenden Jahr 2009 die kreativen Spielräume für eine allumfassend aktivierende Arbeitsmarktpolitik in der Tat noch nicht ausgenutzt. Schon gar nicht, wenn es im Rest der Welt doch alles noch viel schlimmer ist… Ostern kommt bestimmt und die Überraschungen der Sachzwänge garantiert auch. Spätestens seit dem Crash der Weltwirtschaft und der Insolvenz Islands gibt es kaum noch was zu lachen. Amerikas Autoindustrie bettelt um Almosen während Opel und Porsche die Bundesregierung in Atem halten, Siemens baut ab, Manager werden entlassen und die Kauflust der Bundesbürger_innen sinkt nach wie vor. Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen dürften wohl kaum jene berührt haben, die in Bochum noch um das letzte Callcenter bangen oder sich in Frankfurt/Oder schon auf das Nächste freuen. Arbeitslosigkeit und die Erfahrung gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein, bleibt sowohl in ländlichen Regionen als auch anderswo kaum noch jemandem erspart. Vielmehr noch ist sie an der Tagesordnung. Die Stadt-Land-Kontraste gleichen sich damit bestenfalls an. Ausgeschlossen zu sein, das ist schon lange kein Merkmal von Ländlichkeit mehr. Vielmehr noch entsteht ein Paradox der Ausgeschlossenheit trotz Urbanität. Glücklich schätzt sich, wer in Mecklenburg noch eine Kuh melken darf, anstatt in Hamburg Altona täglich bei der Agentur für Arbeit vorstellig werden zu müssen, ohne ausreichend Kleingeld für die Metro.
Nicht von irgendwoher kommt die Methode der öffentlich-privaten Partnerschaften (Public private partnership). Damit halten sich inzwischen viele Kommunen über Wasser um beispielsweise Schulen, Straßen oder wie Rostock den umstrittenen Warnow-Tunnel zu finanzieren. Diese Methode der Finanzierung öffentlicher Aufgaben steht zu Recht in der Kritik, da diese Finanzierungsmethoden die Städte und Gemeinden ans Messer der lebenslangen Verschuldung gegenüber der Privatwirtschaft liefern. Ideologiekritik scheint da nicht wirklich hilfreich. In der Tat mischt sich hier Anspruch und Wirklichkeit. Die Guten werden zu den Bösen und am Ende sind alle böse. So ist es letztlich irrelevant, ob eine Stadt ihren Wohnungsbestand verkauft oder instand hält. Gebeutelt sind in jedem Falle die Menschen. Sowohl als auch. Damit schließt sich der Kreis. Denn die Misere mit welcher der Abriss bzw. der Verkauf irgendwann einmal begann, war die Abwanderung von Menschen. Mit den Menschen geht das Geld. So ist das im Kapitalismus. Dirk Schubert, Stadtsoziologe, bezeichnet das „den Kampf um die Köpfe, […] das Wachstum bestimmter Regionen, das bereits heute, mehr noch in absehbarer Zukunft, nur noch im ‚Wettbewerb um Einwohner’ möglich ist; [und] wenn einige – wenige – im Wettbewerb siegen, müssen andere wohl notgedrungen verlieren.“ 




